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 Der Verrat der Alliierten am deutschen Widerstand


1944 verhöhnten die Alliierten das fehlgeschlagene Attentat auf Hitler als ein von Verrätern begangenes Verbrechen. Der Hintergrund enthüllt divergierende "Befreiungs"-Verständnisse sowie die Eisbrecherfunktion des Faschismus für die "Großen Drei". Ein Text von Wolfgang Eggert.

Die Regie der Sieger

"Eine Bande von Verbrechern hat ein Attentat auf Hitler verübt. Der zum Glück unversehrt gebliebene Führer konnte den Putsch einer kleinen Bande von Verbrechern vereiteln, die versucht hatte, ihn umzubringen. Die Hinrichtung der verhafteten Vaterlandsverräter wird bald stattfinden." So lauteten zeitgenössische Berichte über den am 20. Juli 1944 begangenen Versuch, den berüchtigten Naziführer zu beseitigen. Sie würden kaum mehr Aufmerksamkeit verdienen - wenn da nicht der Umstand wäre, daß es nicht die Nazi-Propaganda war, die das legendäre Attentat des deutschen Widerstands auf diese Weise abtat, sondern die angloamerikanische Presse. Sie gab damit die einhellige Meinung der allierten Kriegsführung wieder: die Nazis, so ließ etwa Churchill verlautbaren, hätten ihnen nur die Arbeit abgenommen; sie hätten mit den Verschwörern ebenfalls abrechnen müssen, auch sie waren ihre Feinde.

Tatsächlich musste den Alliierten das Scheitern des 20. Juli 1944 mehr als gelegen kommen. Man stelle sich vor: Hitler stirbt mitten im Sommer 1944. Ein breitgefächertes Bündnis von Widerstandskämpfern übernimmt die Regierung, auf deren Geheiß hin die deutschen Truppen die Waffen niederlegen. Die Kampfhandlungen enden jenseits der Grenzen einer großdeutschen Nation, die das von Britannien so eifersüchtig überwachte Gleichgewicht auf dem Kontinent aus der Waagschale geworfen hat. Doch Besatzung oder gar Teilungen sind unter den gegebenen Umständen nicht in Sicht. Mehr noch, den gerade erst an den Stränden der Bretagne angelandeten Amerikanern bleibt es verwehrt, ihre militärische Präsenz nach Westeuropa zu tragen. Und die Sowjets erhalten keinen Zugriff auf die Länder Osteuropas, die bald hinter einem "Eisernen Vorhang" verschwinden werden: Polen, Ungarn, Bulgarien, die Tschechei, Rumänien, das Baltikum. Dieses Szenario konnte unmöglich im Interesse der Alliierten liegen. Und so musste der Krieg andauern, bis die siegreichen Armeen Stalins, Churchills und Roosevelts ihre längst untereinander abgesteckten "Claims" besetzt hatten. Bis zum Handschlag von Torgau und der Besetzung Berlins musste fanatisch gekämpft werden. Die Regie der Sieger rief nach SS-Truppen, nach Volksstürmen, nach Parteibonzen, die Hitlerjungen mit Hakenkreuzfahnen im Arm ins letzte Gefecht schickten.

Vor dem Hintergrund diente der Nationalsozialismus London, Washington und Moskau auch als psychologisches weil plakatives Feindbild - ein Feigenblatt, das mit einer Machtübernahme von Nazigegnern, demokratischen zudem, fortgeweht worden wäre. So mag sich vielleicht insgesamt besser verstehen lassen, wieso die Versuche der deutschen Widerständler, ausländische Verbündete für ihre Pläne zum Umsturz und zur anschließenden Neuordnung zu finden, ständig frustriert werden mussten. Und zwar an alleroberster Stelle.

Goerdeler - der "Verräter"

Tatsächlich verfügte der "abenteuerliche Widerstand der Junker" fernab alliierter Kriegspropaganda in Wirklichkeit über ganz vorzügliche Referenzen. Vor allem im angloamerikanischen Raum, wohin die Verschwörer des 20. Juli und des Kreisauer Kreises ob ihrer konservativen Grundhaltung auch hin tendierten. Fabian von Schlabrendorff, dem wir das Buch "Offiziere gegen Hitler" verdanken, wurde bereits 1939 von Winston Churchill empfangen. Der Diplomat Adam von Trott zu Solz, Sohn einer englischen Mutter und ehemaliger Rhodes-Stipendiat in Oxford, hatte Zugang zur gesellschaftlichen und intellektuellen Elite der Insel. Er traf 1939 mit dem britischen Premier Chamberlain und Außenminister Lord Halifax zusammen. Trott war es auch, der gemeinsam mit Hans Bernd Gisevius, den Leiter des amerikanischen Geheimdienstes in Bern Allan W. Dulles über die Pläne des Widerstandes informierte. Alexander Kirk, der amerikanische Geschäftsträger in Berlin, war mit dem Organisator des Kreisauer Kreises Helmuth, James Graf von Moltke, bekannt und vermittelte die Verbindung zu dem Diplomaten George F. Kennan, der später als Historiker über die Gespräche berichtete. Die Kontakte des deutschen Widerstandes ins Ausland waren also vielfältig. Und ernüchternd. Vor und nach Ausbruch des Krieges.

Als sich der zivile Führer des 20. Juli, Karl Friedrich Goerdeler, im März 1938 mit den Alliierten in Kontakt setzte, bereiteten ihm diese einen mehr als kühlen Empfang. In London bezichtigte ihn der erste Ratgeber des britischen Außenministers, Robert Vansittart, sogar des Verrats. Dasselbe galt auch für den Oberleutnant Ulrich von Schwerin, der vor dem Einmarsch in Polen nach London entsandt wurde, um die Engländer davon zu überzeugen, daß die Invasion vereitelt werden könnte, wenn die Engländer Hitler zu verstehen geben würden, daß sie bereit waren, die slawische Nation zu verteidigen. "Nur die Gefahr eines Krieges an zwei Fronten kann Hitler bremsen," lautete seine Botschaft. Die auch dieses Mal auf taube Ohren fiel.

Nach Kriegsausbruch versuchte Trott zu Solz am Rande einer Konferenz in Washington Präsident Roosevelt zur Unterstützung einer Denkschrift zu bewegen. Diese sollte die sich formierende Opposition gegen Hitler ermutigen. Vergeblich. Ab 1942 wurden seitens Emissären des Kreisauer Kreises Versuche unternommen, den Alliierten klarzumachen, daß es durchaus andersdenkende Kreise gab, die den Nazismus zutiefst verachteten und daß die Alliierten den Nazismus keinesfalls mit dem deutschen Volk gleichsetzen dürften. Aber eine solche Unterscheidung wurde von den Alliierten nicht akzeptiert. Chamberlain zeigte eine "eisige" Haltung, Roosevelt hielt Gespräche für "untunlich" und 1942 ließ er einen Mittelsmann wissen, daß seine Bitte um Fühlungnahme die "offizielle Politik" in "Größte Verlegenheit" bringe. Die Friedensangebote des deutschen Widerstands blockte Außenamtschef Eden mit der Bemerkung, daß die Angelegenheit zu den Akten gelegt worden sei, während Churchill mit der Erklärung konterte, daß die Atlantik-Charta nicht für die Achsenmächte gelte.

Bedingungslose Kapitulation als Garant des Totalen Krieges

Und als nach dem Kriegseintritt Amerikas die Friedensbemühungen von deutscher Seite (der nazistischen und der widerständlerischen gleichermaßen) verstärkt wurden, da erhoben die Alllierten im Januar 1943 auf der Casablanca-Konfernez die Forderung der bedingunglosen deutschen Kapitulation. Um gleich darauf in aller Öffentlichkeit geradezu katastrophische Kriegsziele zu diskutierten, die für keine deutsche Regierung annehmbar sein konnten. Damit setzte die bedingungslose Kapitulation, wenn sie durch eine verantwortungsbewußte Regierung in Berlin verkündet werden sollte, eine totale Niederlage voraus. Im Umkehrschluß hieß das, daß jetzt aus deutscher Perspektive nur mehr ein schmaler Türausschnitt übrig war, an dessen Pfosten die blutigen Parolen "Totaler Krieg" und "Endsieg" angeschlagen standen.

Die Folgen waren für die Männer des 20. Juli, die jetzt nur noch sehr schwer Unterstützung für Ihre Widerstandsarbeit finden konnten, fatal. Dies zumal die Alliierten in Casablanca einem "besseren Deutschland" die kalte Schulter zeigten. Es wäre leicht gewesen, die verhängnisvolle Forderung nach "bedingungsloser Kapitulation" mit dem zur Opposition ermutigenden Nebensatz zu verbinden: "...so lange Hitler und sein Naziregime an der Macht sind". Unzweifelhaft hätten auf diesem Wege eine ganze Reihe führender Generäle - darauf hoffend, daß eine Umsturzregierung in diesem aussichtlosen Kräftemessen bessere Friedensbedingungen erhielte als die bestehende - den Weg zum Widerstand gefunden. Anstelle dessen wurde nun die bedingungslose Kapitulation vom deutschen Staat verlangt, was - ohne das direkt zu benennen - die Männer um Stauffenberg mit Hitlers Schergen auf ein und dieselbe Stufe stellte. Während das alliierte Lager den Widerstand in sämtlichen außerdeutschen Ländern unterstützte, untergrub es zugleich in geradezu herausfordernder Art und Weise jenen im direkten Feindesland.

Anglo-amerikanische Wasserträger für Hitler

Dennoch muss vor diesem Hintergrund die Frage gestellt werden, ob es ein Doppelspiel der Alliierten gab, das seinen logischen Höhepunkt darin fand, dass man den Aufstand vom 20. Juli vom Ausland her als eine kontrollierte Kettenreaktion ablaufen ließ. Fakt ist nämlich: 1. Die deutschen Widerständler hielten bis kurz vor dem 20. Juli Kontakt zu den Briten wie den Amerikanern, die ihnen Sympathie suggerierten. 2. Sie wurden von diesen Seiten zu ihrem Tun ermutigt, in ihrem Handeln unterstützt und aufgefordert, vor möglichen Regierungsunterhandlungen „von-gleich-zu-gleich“ ihre Stärke unter Beweis zu stellen [1]. 3. Der Widerstand arbeitete seinen Putschplan und ein akkurate Fenster aus. Beides wurde den angloamerikanischen Geheimdiensten zugetragen, offenkundig, weil man deutscherseits von einer Zusammenarbeit ausging. So meldete Allan Dulles, Kopf des US-Geheimdienstes „Office of Strategic Sevices“ in der Schweiz, Anfang Juni 1944, dass „ die nächsten paar Wochen unsere letzte Chance sind, die Bereitschaft der Deutschen an den Tag zu legen, selbst ihr Land von Hitler und seiner Bande zu befreien und anstelle dessen eine ordentliche Regierung einzusetzen“ [2].4. Unmittelbar vor dem Losschlagen erhielt die Naziführung entsprechende Warnungen, durch welche es ihr gelang, den zivilen Sektor der Verschwörung abzugreifen: Der designierte Innenminister der Übergangsregierung, der Sozialdemokrat (mdR) Julius Leber wurde am 4. Juli bei einem konspirativen Treffen mit Angehörigen des kommunistischen Widerstandes von der Gestapo verhaftet. Nicht weniger als 200 weitere Verhaftungen schlossen sich an. Am 18. Juli 1944 kursierten bereits Steckbriefe, die auf die Ergreifung des neuen Reichskanzlers in Spe, den ehemaligen Leipziger Oberbürgermeister Dr. Carl Goerdeler, eine Belohnung aussetzen. Als Goerdeler schließlich ergriffen wurde, führte er bittere Klage über den Verrat der Briten an Deutschland. In seinem politischen Testament nannte er „Neville Chamberlain und seine Clique selbst eine Art Faschisten“, Faschisten, die „ mit Hilfe des Nationalsozialismus“ ihr „Profitsystem“ retten wollten [3]. Mit diesem von der Zeitgeschichtsforschung viel zu selten beachteten Fluch spielte Goerdeler auf den Umstand an, dass die Nazis seit den zwanziger Jahren von rechten Engländern zu einem Kreuzzug gegen das sowjetische Schreckensgespenst regelrecht aufgerüstet wurden.

Aufgeklärte Selbstsucht

Doch auch jenseits des großen Teiches gab es eine starke Lobby für die Braun- und Schwarzhemden: „Eine Clique von US-Industriellen“, bekundete der US-Botschafter in Deutschland, William E. Dodd, 1937 gegenüber einem Reporter der New York Times, „arbeitet eng mit den Faschistenregimes in Deutschland und Italien zusammen. Ich hatte auf meinem Posten in Berlin oft Gelegenheit zu beobachten, wie nahe einige unserer amerikanischen regierenden Familien dem Naziregime sind. Sie trugen dazu bei, den Faschismus an die Macht zu verhelfen und sind darum bemüht, ihn dort zu halten [4].“ Unter die regierenden Familien Amerikas ist nun zweifellos die Busch-Dynastie zu rechnen. Deren damaliges Oberhaupt Prescott – Vater von Präsident George Bush sen. und Großvater von George W. – amtierte als Direktor beziehungsweise Aufsichtsratsmitglied von vier Unternehmen, die im Oktober 1942 allesamt wegen „Naziverbindungen“ staatlich konfisziert wurden [5]. sein damaliger Syndikus war niemand geringerer als Allan W. Dulles, welcher ebenfalls auf Hitlers Barbarossafeldzug setzte, zugleich aber den Kriegseintritt seines Landes (wie er sagte, aus „aufgeklärter Selbstsucht“ heraus) vorangetrieben hatte.

Jetzt, da der demokratische Präsident Roosevelt entschlossen schien, die Nachkriegswelt mit den Sowjets zu teilen, setzte der Republikaner Dulles auf einem Separatfrieden mit dem konservativen Teil des Widerstands, dem es nach einer Machtergreifung ermöglicht werden sollte, im Osten den Sozialismus zu beerdigen. Gerade acht Tage, bevor Stauffenberg seine Bombe hochgehen ließ, drahtete Dulles aus dem schweizerischen Bern, das ein „dramatisches Ereignis“ in Kürze „im Norden“ über die Bühne gehen könnte. Um werbend hinzuzufügen, dass eine Gruppe der Anti-Hitler-Verschwörung bestrebt sei, „zu verhindern, dass Zentraleuropa ... unter die Kontrolle der Russen komme [6]. doch diese antisowjetische Vision war ihrer Zeit mindestens ein Jahr voraus und in den Etagen der Macht tickten die Uhren noch anderes. Quasi als Warnschuss lancierte die Presse die Nachricht, der spätere CIA-Chef hätte Anfang 1933 im Hause eines engen Geschäftspartners – das Kölner Bankiers Schroeder – die Koalitionsregierung zwischen Hitler und Papen auf den Weg gebracht; an der Seite seines Bruders, der nach dem Krieg zum US Außenminister erhoben werden sollte.

Ebenfalls Indiskretionen waren es, die Stauffenberg währenddessen in Deutschland zwangen, den vorher so oft abgesprochenen Umsturzplan tatsächlich am 20. Juli ablaufen zu lassen. Am 18. Juli 1944 wurde nämlich bereits in Diplomatenkreisen über das erwartete Großereignis getuschelt. Weiteres Zuwarten bedeutete, das Unternehmen der Gestapo in die Hände zu spielen. Als Stauffenberg in die Wolfsschanze beordert wurde, war der Beschluss unumstößlich, diesmal auf alle Fälle zu Bomben. Heute weiß jedes Kind, dass der Anschlag fehl ging. Kaum bekannt, beziehungsweise nur ungenügend behandelt wurde dagegen der tieferliegende Grund: die Sprengkraft jener Bombe, die Graf Stauffenberg zur Zündung brachte, war für eine sichere Tötungsaktion weit zu schwach bemessen. Hitler wurde nicht einmal ernsthaft verletzt. Die offizielle Forschung mäandert gern an der These, dass die Höllenaschine vor ihrer Detonation einige Fuß weit von Hitler weg geschoben worden war. Auch habe ein Holztisch die Durchschlagskraft der Sprengladung entscheidend gebremst. Abgesehen davon, dass die Unversehrtheit von Hitlers unteren Extremitäten dieser Behauptung den Boden entzieht, ist festzuhalten, dass trotz langer Tradition kein Fall eines Bombenattentat bekannt wäre, in dem ein Tisch einen derartigen Anschlag ins geradezu wirkungslose hätte verpuffen lassen. Fakt dagegen ist, dass die Sprengkraft der Bombe extrem schwach bestimmt worden sein muss. Darf es da verwundern, dass das Corpus Delicti englischer Herkunft war?

Vermutlich hätten die Männer um Stauffenberg ihren Coup niemals ablaufen lassen, wenn ihnen die eigentlichen Kriegsziele und die daraus resultierenden Zusammenhalten im Bündnis der Alliierten bekannt gewesen wären. Anders als gewiss von Dulles oder Empirelastigen Briten suggeriert, galten unter den „Großen Drei“ nach wie vor die öffentlichen Treueschwüre und – zwischen Stalin und Roosevelt – das bereits lange vor Kriegsausbruch zu datierende Einverständnis, den faschistischen Popanz zu nutzen, um die Welt unter sich aufzuteilen [7]. Die Forderung nach bedingungsloser Kapitulation und das Verbot gesonderter Friedensschlüsse trug dem Rechnung. Darüber hinaus wusste Roosevelt nur zu gut, dass es ein Friedensgesuch einer neudemokratischen Regierung in Berlin ihm und Churchill unmöglich machen würde, den alliierten Soldaten zu erklären, warum es zum Preis weitere Millionen Menschen leben nötig sein sollte, weiter zu kämpfen. Diese nicht ganz leichte Aufgabe fiel nun der alliierten Presse zu, die sich zu dem Spagat genötigt sah, eine Revolte gegen einen Despoten mit dessen Worten zu erklären.

Die Atmosphäre der finsteren Verbrecherwelt

So textete denn die New York Times über das Attentat, dass dessen Einzelheiten mehr an „ die Atmosphäre der finsteren Verbrecherwelt“ erinnerten als an die, welche man „ normalerweise in einem Offizierskorps eines Kulturstaates erwarten würde.“ Das renommierte Blatt zeigte sich entrüstet darüber, dass höchste Offiziere ein Jahr lang an dem Komplott „gegen das Oberhaupt des Staates und den Oberbefehlshaber der Streitkräfte“ gearbeitet hätten. Ein Komplott, bei dem man sich noch dazu „einer Bombe, der typischen Waffe der Unterwelt“ bedient hatte“ [8].

Eine andere wichtige US-Zeitung, The Harald Tribune, kommentierte: „ Im Allgemeinen bedauern es die Amerikaner keinesfalls, dass Hitler von der Bombe verschont wurde und sich nun persönlich seiner Generäle entledigt. Außerdem haben die Amerikaner mit Aristokraten nichts am Hut, ganz besonders nicht mit solchen, die Dolchstöße ausführen.“ [9]

Und die London Times schlug nach, es wäre wohl kaum nötig hervorzuheben, dass Hitlers Gegner keine Freunde der Alliierten sind: „ Die Generäle, die sich als Thronfolger aufspielten, handelten so, nicht als Verfechter der Freiheit, sondern als Verfechter des Militarismus.“ [10]

Eine offenbar an zentraler Stelle ausgegebene Sprachregelung, die darauf abzielte, Sympathien der eigenen Bevölkerung von den deutschen Vorgängen abzuziehen, bewirkte, dass die alliierte Presse ganz allgemein die breite Beteiligung von Zivilisten an den Umsturzplänen bestritt oder verschwieg. Allenthalben wurde stattdessen gebetsmühlenartig von der „Verschwörung der Generäle“, von einer „Intrige des Adels“ oder auch vom „Widerstand der Junker“ gesprochen, hinter dem sich nichts als der verzweifelte Versuch in ihrem Ehrgeiz verletzter Militärs verberge, aus Interesse an der eigenen Karriere den Tyrannen zu ermorden. Eine rein soldatische Verzweiflungstat ohne jeden ethischen Hintergrund.



Dass wir besser dastehen

In genau diesem Sinne wurde der antifaschistische Aufstand von Churchill verhöhnt. Vor dem Parlament erklärte er am 2. August 1944, dass die Köpfe der deutschen Führung lediglich versuchten, ihrem vorgezeichnete Schicksal, der absolute Niederlage, zu entgehen, indem sie „sich gegenseitig ermordeten.“ [...] Währenddessen zeigte sich auch das Weiße Haus in Sorge um „seinen“ Führer. So schrieb Franklin D. Roosevelt an seine Frau Eleonor aus Hawaii: „Möglicherweise muss ich überstürzt zurückkommen, wenn sich die deutsche Revolte verschlimmern sollte! Ich hoffe, dass das nicht passiert.“ [...] Aus Moskau stimmten Stalins Propagandisten ein: „ Das hitlerische Deutschland wird nicht durch aufrührerische Generäle auf die Knie gezwungen werden, sondern durch uns und unsere Verbündeten [14]!“ [...]

Dieser Machiavellismus ist umso befremdlicher, wenn man sich vor Augen hält das Churchill, Roosevelt und Stalin damals schon seit mehr als einem Jahr von der gegen die Juden gerichtete „Endlösung“ wussten. Doch anstatt den Holocaust durch den Widerstand beenden zu lassen oder auch nur ein einziges Mal mit gezielten Luftschlägen gegen die Wach- und Vernichtungseinheiten auf das Geschehen einzuwirken, mühte man sich um seine propagandistische Instrumentalisierung. Etwa um den Kampfeswillen der eigenen Soldaten anzuspornen oder – wie bei Churchills Zivilbombardements geschehen – um eigene Terrorkampagnen als Vergeltungsschläge zu begründen. Auch die Zwangsmaßnahmen gegen Deutschland wie Teilung, Besetzung und „Umerziehung“ fanden hier eine willkommene zusätzliche Argumentationsplattform.

Um die Doppelzüngigkeit noch zu steigern, wurde den unterlegenen Deutschen die zurückliegende und fortdauernde Zerstörung ihres Landes damit erklärt, dass sie sich der Nazis nicht frühzeitig selbst entledigt hatten. Unter der Überschrift „grundlegende Ziele der Militärregierung in Deutschland“ forderte der US-Generalstab am 26. April 1975 von dem Oberbefehlshaber der Besatzungstruppen an vorderster Stelle: „ Es muss den Deutschen klargemacht werden, dass Deutschlands rücksichtslose Kriegsführung und der fanatische Widerstand der Nazis die deutsche Wirtschaft zerstört und Chaos und Leiden unvermeidlich gemacht haben und dass sie nicht der Verantwortung für das entgehen können, was sie selbst auf sich geladen haben.“ Bruchlos daran anschließend heißt es, die Maske des edlen Ritters ein Stück weit freigegebend: „Deutschland wird nicht besetzt zum Zwecke seiner Befreiung, sondern als ein besiegter Feindstaat. Ihr Ziel ist ... die Besetzung Deutschlands, um gewisse wichtige alliierte Absichten zu verwirklichen.“

Der Preis ist das wert

Rückblickend kann festgestellt werden das das Scheitern des Stauffenberg-Aufstandes katastrophale Kriegsfolgen nach sich zog: Aufgrund der fortgesetzten alliierten Sabotage gegen den antifaschistischen Widerstand, die soweit gingen, deutsche Freiheitskämpfer den Nazis ans Messer zu liefern, wurden die Kämpfe um ihr blutigstes Jahr verlängert. Es war das Jahr der Zerstörung der deutschen Städte, das Jahr der millionenfachen Vertreibungen, das Jahr, in dem eine Arberzahl von Juden nach der Räumung der KZs auf den todbringenden Evakuierungsmärschen vor Erschöpfung und Krankheiten umkam. Endresultat? Zwischen den 20. Juli 1944 und dem 8.Mai 1945 ließen allein auf dem heiß umkämpften europäischen Kriegsschauplatz 10 Millionen Menschen ihr Leben: Soldaten und Zivilisten, nicht nur deutsche, sondern auch Russen, Franzosen, Engländer und Amerikaner, mehr als in den gesamten vorangegangenen fünf Jahren dieses schlimmsten Konflikts der menschlichen Geschichte. Es war ein hoher Preis. Aber die Politik ist freigiebig, wenn es um die Verzinsung von Opferzahlen geht.

Erinnern wir uns, dass George Bush se. am Ende des ersten Irak Krieges den auf Bagdad zumarschierenden General Schwarzkopf zurückgriff, wodurch Saddam Hussein im Amt verblieb. Um die Schlacht auf anderen Ebenen weiterführen zu können, verhängte die UNO anschließend auf Drängen der USA und Großbritanniens rigide Boykottmaßnahmen gegen die einstige Vormacht des Mittleren Ostens. Die Auswirkungen auf das geschwächt am Boden liegende Land waren verheerend, während Washington strategisch und ökonomisch punkten konnte. In der in Nordamerika ausgestrahlten Fernsehsendung „60 Minutes“ fragte darob die Moderatorin Leslie Stahl am 12.5.1996 US-Außenministerin Albright: „Wir haben gehört, dass eine halbe Millionen Kinder (aufgrund der Wirtschaftssanktionen) gestorben sind. Ich meine, das sind mehr Kinder, als in Hiroshima gestorben sind. Ist das den Preis wert?“ Madeleine Albright bezweifelte die Zahlen gar nicht und erwiderte: “Ich denke, das ist eine sehr harte Wahl, aber wir denken, der Preis ist das wert!“ [11]


Fußnoten:
[1] Knightly, Phillip. The Master Spy. The Storyof Kim Philby, New York: Alfred A. Knopf, 1989, Seite 108.
[2] Beschloss, Michael. The Conquerors: Roosevelt, Truman and The Destruction of Hitler`s Germany, 1941-1945, New York: Simon & Schuster 2002, Kapitel 1: The Plot to Murder Hitler.
[3] Krause, Friedricg (Hrsg.), Goerdelers politisches Testament. Dokumente des anderen Deutschland, New York: 1945, S. 58.
[4] Seldes, Georges. Facts and Facism, New York: In Fact Inc, 1943, Seite 122.
[5] Tarpley, Webste.
[6] Beschloss, Michael. The Conquerors: Roosevelt, Truman and The Destruction of Hitler`s Germany, 1941-1945, New York: Simon & Schuster 2002, Kapitel 1: The Plot to Murder Hitler.
[7] Die Erkenntnis einer möglichen Symbiose datiert bereits auf die 20er Jahre. Über den Wallstreetbankier Warburg wurden bereits 1921 erste Fäden geknüpft. Während sich Lenin einer zu diesem Zweck voranzutreibenden deutschen Faschisierung verweigerte, schlug Stalin in den Handel ein. Mit dieser Zeit – jedoch nicht vorher – begann der Aufstieg Hitlers. Vgl. Eggert Wolfgang. Im Namen Gottes – Israels Geheimvatikan, Band 3, München: Chronos 2004. Er wurde unterstützt durch anglomerikanische Antikommunisten wie auch durch durch längerfristig planende Geopolitiker vom Zuschnitt der „Großen Drei“.
[8] Klemperer, Klemens von. German Resistance Against Hitler: The Search for Allies Abroad: 1938-1945. New York: Clarendon Press/ London: Oxford University Press 1992, Seite 386. Bezug auf New York Times vom 9. August 1944.
[9] Rothfels, Hans. The German Opposition to Hitler: An Appraisal, Hinsdale/III.: H. Regnery Co 1948, Seite 160 f. Bezug auf New York Times vom 9. August 1944 sowie Diese 'Verbrecher', die dem Krieg ein Ende setzen wollten, Artikel in der „Civilta Cattolica“, von Giovanni Sale. Interview: Davide Malacaria, 2003.
[10] Klemperer, Klemens von. German Resistance Against Hitler: The Search for Allies Abroad: 1938-1945. New York: Clarendon Press/ London: Oxford University Press 1992, Seite 386.
[11] Walter Benjamin Research Syndicate, http://www.wbenjamin.org/WB-Kiosk.htm/,WBKiosk,11.10.2001


Quelle und gesamter Text (mit freundlicher Genehmigung des Autors):
http://www.chronos-medien.de/weblog/stauffenberg.html

Siehe Auch: Geheimakte Rudolf  Heß: http://www.wfg-gk.de/nachrichten151.html
Literaturhinweis: Martin Allen: Churchills Friedensfalle. Das Geheimnis des Heß-Fluges 1941. Druffel & Vowinckel 2003.




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