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Das Wunder von Curitiba

   

Dies ist eines der besten Beispiele für die Wirksamkeit von Komplementärwährungen. Es handelt sich hier nicht einmal um ein Tauschmittel mit Umlaufsicherung durch eine bestimmte Gebühr im Jahr. Und trotzdem hatte das im Folgenden geschilderte Projekt einfach dadurch riesigen Erfolg, dass das Ersatzgeld, das geschaffen wurde, in der Region verblieb und nicht zu den Banken verschwand, wodurch ja das Geld normalerweise irgendwohin wandert und nur in Form von Krediten wieder in Umlauf kommt.

Das Beispiel zeigt schön, mit welchen einfachen Mitteln sich aushelfen lässt, wenn man nur will.
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"Es geht hier um die Millionenstadt Curitiba, eine Provinzmetropole in Brasilien. [...] In einer für die Region typischen Entwicklung war die städtische Bevölkerung explodiert. Von 120 000 Einwohnern im Jahr 1942 schnellte sie auf eine Million, als Jaime Lerner 1971 sein Amt [als  Bürgermeister] antrat. [...] Eines der Probleme, die Lerner am meisten Kopfzerbrechen bereiteten, war der Müll. Die Fahrzeuge der städtischen Müllabfuhr kamen nämlich nicht einmal bis in die Favelas, weil die Straßen dort nicht breit genug waren. Daher türmte sich der Müll in den Elendsvierteln zu risigen Bergen auf, die bald genug von allerhand Nagetieren besiedelt wurden, was zum Ausbruch zahlreicher Krankheiten führte. Ein unhaltbarer Zustand.




Da Lerner und sein Team nicht genug Mittel für "normale" Lösungen hatten, was bedeutet hätte, dass die ganze Gegend planiert und anschließend durch Straßen erschlossen würde, mussten sie kreativ werden. Sie stellten am Rand der Favelas riesige Müllcontainer auf. Sie trugen Schilder mit der Aufschrift "Glas", "Papier", "Plastik", "Biomüll" usw. Für all jene, die nicht lesen konnten, wurde ein Farbsystem erfunden. Jeder, der seinen Müll vorsortiert dort abgab, bekam einen Freifahrtschein für den Bus. Für die Mülltrennung in den Schulen gab es Schreibhefte. Bald waren die Blechhüttenstraßen blitzsauber, weil zu jeder Tageszeit tausende von Kindern dort patroullierten und den Müll einsammelten. Sie lernten sogar, die verschiedenen Plastiktypen zu unterscheiden. Und die Eltern fuhren mit dem Bus in die Stadt zur Arbeit.

Unserer Ansicht nach schuf Jaime Lerner damit "Curitiba-Geld". Seine Busfahrscheine sind eine Art der Komplementärwährung.[...] Über 70 Prozent der Haushalte in Curitiba nehmen an diesem Programm teil. Allein die etwa sechzig ärmeren Viertel tauschen zirka 11 000 Tonnen Müll gegen fast eine Million Fahrscheine und um die 1200 Tonnen Nahrungsmittel ein. Innerhalb von etwa drei Jahren liefern mehr als hundert Schulen 200 Tonnen Müll ab und beziehen dafür 1,9 Millionen Schreibhefte für ihre weniger begüterten Schüler. Das Recycling des ganzen Papiers entspricht der Rettung von täglich 1200 Bäumen.

Dabei war Lerner keineswegs von dem Wunsch beseelt, eine Komplementärwährung zu schaffen. [...] Doch was als Programm der Müllbeseitigung und Gesunderhaltung der Bevölkerung begann, führte schließlich zu einer effektiven Lösung des Transportproblems sowie zur Senkung der Arbeitslosigkeit. [...]

Die ökonomischen Auswirkungen dieses Systems lassen sich auch in Zahlen fassen. Das Durchschnittseinkommen lag in Curitiba 3,3-mal so hoch wie im Rest Brasiliens. Das Realeinkommen liegt allerdings noch um etwa 30 Prozent höher (das heißt in etwa das Fünffache des Mindestlohns). Diese Differenz von 30 Prozent ergibt sich aus dem Einkommen, das nicht in Standardwährung ausgezahlt wurde, sondern zum Beispiel in Nahrungsmitteln. Curitiba verfügt über das dichteste soziale Netz im ganzen Land und über Kultur- und Bildungsprogramme von einzigartiger Vielfalt. Und trotzdem zahlten Curitibaner keinen Centavo mehr Steuern als der Rest Brasiliens.

Sogar auf makroökonomischer Ebene war mittlerweile klar, dass in Curitiba ungewöhnliche Dinge vor sich gingen. Zwischen 1975 und 1995 wuchs das Bruttosozialprodukt pro Kopf in Curitiba um 75 Prozent schneller als im ganzen Land. Und dieser Unterschied blieb bestehen: Zwischen 1993 und 1995 legte das standardisierte Bruttosozialprodukt Curitibas [...] um 70 Prozent stärker zu als das Brasiliens. ([Fußnote hierzu:] Die Daten für den Zeitraum zwischen 1993 bis 1995 stammen aus: Industria, Comercio e Turismo Gestao Rafael Creca vom Dezember 1996.)

Wir erfuhren im Januar 2004, dass die Vorteile, in Curitiba zu leben, dazu geführt haben, dass die Stadt innerhalb der letzten Jahre ihre Einwohnerzahl noch einmal mehr als verdoppelt hat. Da dieser Zuwachs in den Favelas jedoch außerhalb der Stadtgrenzen stattfindet und damit die legalen Interventionsmöglichkeiten der Stadtverwaltung eingeschränkt sind, waren die Erfolgsrezepte der achtziger und neunziger Jahre nicht so leicht wiederholbar."



Kennedy, Margrit/ Litaer, Bernd: Regionalwährungen. Neue Wege zu nachhaltigem Wohlstand. München 2004. S. 46 ff.


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