Home






Was ist Geisteswissenschaft?


Was für die Erkenntnis der äußeren Natur, was für das Leben durch die Erkenntnis der äußeren Naturgesetze diese Naturwissenschaft der Menschheit geworden ist, das möchte Geisteswissenschaft werden durch die Erkenntnis der Gesetze unseres Seelen- und Geisteslebens und durch die Anwendung dieser Gesetze des Seelen- und Geisteslebens im ethischen, im sozialen, im allerweitesten Kulturleben; das möchte sie werden für unsere Gegenwart und für die nächste Zukunft...

Wahrhaftig ganz im Geiste der naturwissenschaftlichen Vorstellungsart ist die Vorstellungsart der Geisteswissenschaft gehalten. ...Muß doch naturwissenschaftliches Denken, man möchte sagen, naturwissenschaftliche Logik angewendet werden auf das, was dem Menschen wohl am nächsten liegt, was aber auch am schwersten zu erforschen ist, muß doch diese Denkungsweise angewendet werden auf das Wesen des Menschen selbst. Muß doch der Mensch in der Geisteswissenschaft sich selber untersuchen, und muß er doch auch zu dem einzigen Werkzeug greifen, welches ihm zu seiner Untersuchung zur Verfügung steht, nämlich zu sich selbst. Davon geht die Geisteswissenschaft aus, daß der Mensch in sich selbst, indem er zum Instrument wird, um die Geisteswelt zu untersuchen, eine Verwandlung erfahren muß, daß er etwas mit sich vornehmen muß, das ihn in die Lage versetzt, in die geistige Welt hineinzusehen, was er ja nicht tut im alltäglichen Leben.


Von einem Vergleich lassen Sie mich ausgehen, von einem naturwissenschaftlichen Vergleich, der nichts beweisen soll, der nur verdeutlichen soll, wie die geisteswissenschaftliche Vorstellungsart ganz auf dem Boden naturwissenschaftlicher Denkungsweise steht. ...Wenn wir das Wasser ansehen, wie es uns draußen entgegentritt, so stellt es sich zunächst in seinen Eigenschaften dar. Aber der Chemiker kommt mit seinen Methoden und wendet diese auf das Wasser an; er zerlegt uns das Wasser in Wasserstoff und Sauerstoff. ...Der Chemiker zieht den Wasserstoff aus dem Wasser heraus, und das ist ein Gas, das brennt. Niemand, der äußerlich das Wasser ansieht, kann diesem Wasser ansehen, daß da Wasserstoff drinnen ist und Sauerstoff drinnen ist, die ganz andere Eigenschaften haben als das Wasser.

Ebensowenig, das zeigt eben die Geisteswissenschaft, kann der Mensch, wenn er dem Menschen gegenübersteht im Leben, erkennen, was dieser Mensch ist in seinem Inneren. Und so wie der Chemiker, der Naturwissenschaftler, kommt und uns das Wasser zerlegt in Wasserstoff und Sauerstoff, so muß, allerdings jetzt in einem innerlichen Seelenprozeß, der sich in den tiefsten Tiefen der Seele vorbereiten muß, der Geisteswissenschaftler kommen und muß dasjenige, was sich im äußeren Leben darbietet, zerlegen. Und zerlegen kann der Geistesforscher durch die geistesforscherischen Methoden den Menschen in das Äußerlich-Leibliche und in das Geistig-Seelische. Zunächst interessiert es, vom Gesichtspunkte der Geisteswissenschaft aus das Geistig-Seelische abgesondert vom Leiblichen zu untersuchen. Niemand kann die wahre Wirklichkeit des Geistig-Seelischen aus dem Äußerlich-Leiblichen erkennen, ebensowenig wie die Natur des Wasserstoffs erkannt werden kann, wenn er nicht aus dem Wasser herausgezogen wird....

Es sind nicht wunderbare Eigenschaften, sondern solche Eigenschaften, die der Mensch im alltäglichen Leben in einem gewissen Maße hat, die er nur ins Unbegrenzte steigern muß, wenn er zum Geistesforscher werden soll. ...

Die Methode der Geisteswissenschaft (Konzentration des Gedankenlebens, Meditation)

Nicht das Gedächtnis als solches, wohl aber die Kraft, welche dem Heraufholen eines geistigen Inhaltes aus den Tiefen der Seele zugrunde liegt, diese Kraft kann verstärkt werden, ins Unbegrenzte verstärkt werden, so daß sie im Leben der Seele nicht bloß verwendet wird, um durchgemachte Erlebnisse aus der Seele heraufzuholen, sondern daß sie zu etwas ganz anderem verwendet werden kann. Nicht äußere Methoden, die im Laboratorium verfolgt werden können, nicht das, was man durch die äußeren Sinne wahrnehmen kann, liegt zugrunde den geistes-forscherischen Methoden, sondern intensive Seelenvorgänge, die jeder durchmachen kann. Das, was den Wert dieser intensiven Seelenvorgänge ausmacht, ist die unbegrenzte Steigerung der Aufmerksamkeit im Menschenleben, oder wie man es nennt: die Konzentration des Gedankenlebens.

... Derjenige, der ein Geistesforscher werden will, der muß den Faden des Seelenlebens da aufnehmen, wo er gewöhnlich im äußeren Leben verlassen wird. Vorstellungen, die wir uns selbst bilden, die wir genau überschauen können, am besten sinnbildliche Vorstellungen, bei denen wir nicht nötig haben, die Übereinstimmung mit der Außenwelt zu prüfen, sie stellen wir in den Horizont unseres Bewußtseins; ...Während man sonst nicht bei einer Vorstellung stehenbleibt, zieht man jetzt alle Kräfte seiner Seele zusammen, konzentriert sie auf eine Vorstellung und bleibt ganz in seinem Inneren hingegeben an diese Vorstellung. ...

Nicht darauf kommt es an, daß wir diese Vorstellung betrachten; sie gibt uns nur eine Gelegenheit, unsere Seelenkräfte zusammenzuraffen, zusammenzudrängen. Auf dieses Zusammendrängen der Seelenkräfte kommt es an. Denn dadurch gelangen wir allmählich dazu, wirklich das Geistig-Seelische, das in uns ist, wie der Wasserstoff im Wasser ist, herauszureißen aus dem Physisch-Leiblichen, es frei zu machen vom Physisch-Leiblichen. Nicht sozusagen in einem Ansturm ist das zu erreichen, was ich jetzt charakterisiert habe. Es brauchen die meisten Menschen ein jahrelanges Arbeiten in solchen Konzentrationen, wenn auch das Tagesleben von solchen Konzentrationen nicht abgelenkt wird; denn man kann sie nur durch wenige Minuten, höchstens durch Teile einer Stunde festhalten, aber man muß sie immer und immer wiederum wiederholen, bis es wirklich gelingt, die Kräfte, die sonst nur schlummern in der menschlichen Natur, so zu verstärken, daß sie wirksam werden in unserer Seele und herausreißen das Geistig-Seelische aus dem Physisch- Leiblichen. ...[Schließlich gelangt man] dann zu einem Erlebnis, das zunächst genannt werden könnte ein Erlebnis des rein inneren Bewußtseins. Man weiß mit einem Worte von einem bestimmten Zeitpunkte an einen Sinn zu verbinden mit dem Worte: Ich weiß mich außerhalb meines Leibes; ich bin, mein Inneres erfassend, mein Inneres erlebend, außerhalb meines Leibes. ...Zunächst verspürt man, daß wirklich die Denkkraft, die sonst nur in den Verrichtungen des Alltags sich regt, sich loslöst vom Leibe. Dumpf ist zunächst das Erlebnis, aber es tritt doch so auf, daß man seine Natur erkennt, wenn man es gehabt hat. Man weiß...wie es ist, wenn man nun in das Gehirnleben, das die physische Materie darbietet, untertaucht, wie es Widerstand bietet, dieses Gehirn.

...Wenn man an dem Punkte angelangt ist, wo die Seele sich selbst erlebt, dann steigen auch auf die Bilder, die man reale Imaginationen nennen kann. Bilder steigen auf, aber Bilder, die sich gewaltig unterscheiden von den Bildern des gewöhnlichen Gedächtnisses. ...Bilder, die nichts gemein haben mit dem, was man in der äußeren Sinneswelt erleben kann. Alle Einwände, daß man sich leicht täuschen könne, daß das, was da aus den grauen Seelentiefen heraufsteigt, nur Reminiszenzen des Gedächtnisses sein könnten, alle diese Einwände sind hinfällig. Denn der Geistesforscher lernt eben wirklich unterscheiden zwischen dem, was das Gedächtnis heraufrufen kann, und dem, was radikal verschieden ist von allem, was im Gedächtnis stehen kann. ...

Ich möchte gerade einen radikalen Unterschied angeben zwischen dem Visionären, dem Halluzinatorischen und dem, was der Geistesforscher erschaut. ...Im Grunde genommen treten uns in Halluzinationen und Visionen die krankhaften Seelengebilde so entgegen, wie uns die äußere sinnliche Wirklichkeit entgegentritt. Sie sind da; sie stellen sich vor uns hin. Wir tun gewissermaßen nichts dazu, wenn sie sich vor uns hinstellen. In dieser Lage ist der Geistesforscher gegenüber seinem neuen geistigen Element nicht. ...In dem Augenblick, wo wir der geistigen Welt gegenüber auch nur einen Moment passiv werden, verschwindet sogleich alles. Wir müssen unausgesetzt tätig, aktiv dabeisein. Daher können wir uns auch nicht täuschen, denn nichts kann aus der geistigen Welt vor unsere Augen treten so, wie eine Vision oder Halluzination vor unsere Augen tritt. ...Dann aber tritt man ein in eine Welt, die sich radikal unterscheidet von der physisch-sinnlichen Welt. Man tritt ein in eine Welt, wo geistige Wesen, geistige Tatsachen um uns sind.

Aber ein Zweites ist dazu notwendig. Es kann wiederum durch einen naturwissenschaftlichen Vergleich klar gemacht werden. Wenn wir den Wasserstoff abtrennen, so ist er zunächst für sich allein; aber er geht Verbindungen ein mit anderen Stoffen, er wird zu etwas ganz anderem. Dasselbe muß sich vollziehen mit unserem Geistig-Seelischen nach der Abtrennung vom Leibe. Dieses Geistig-Seelische muß sich verbinden mit Wesenheiten, die nicht in der Sinneswelt sind. Es muß mit ihnen eins werden; dadurch nimmt es sie wahr. ...

Das zweite, das dann notwendig ist, das ist eine Steigerung der Hingabe, jener Hingabe, die der Mensch im gewöhnlichen Leben oder im gesteigerten gewöhnlichen Leben in der religiösen Frömmigkeit empfindet. Aber wiederum ins Unendliche gesteigert muß das entwickelt werden. ...Der Übende vergißt seinen Leib vollständig, nicht nur in denkerischer Beziehung, sondern so, daß er auch alle Gemütsregungen und Willensregungen abzusondern vermag... Indem der Mensch diese Hingabe hinzufügt zu der ersten Übung, gelangt er dazu, wirklich sich durch die erwachenden geistigen Sinne so in eine geistige Welt hineinzustellen, wie er sich hineinlebt durch die äußeren Sinne in die Welt der Sinnlichkeit, die uns umgibt. Eine neue Welt tritt dann vor dem Menschen auf, die Welt, in der der Mensch mit seinem Geistig-Seelischen immer ist. ...Der Mensch lernt seinen seelischgeistigen Wesenskern kennen. ...Man lernt kennen dasjenige, wovon man weiß, daß es auf den Leib nicht angewiesen ist. Die Welt lernt man kennen, in welche die Menschenseele nach dem Tode eintritt. ...Und durch eine solche Betrachtung gelangt man in voller Übereinstimmung mit der naturwissenschaftlichen Vorstellungsart zu den wiederholten Erdenleben. ...

Und Geisteswissenschaft will nicht etwas sein, was zu tun hat mit einer neuen Religionsstiftung. Sie will keine neue Sekte stiften. Sie will keine Propheten und keine Religionsstifter hervorbringen. Die Zeit der Religionsstiftungen, die Zeit der Propheten ist vorüber. Die Menschheit ist reif geworden. ...Geisteswissenschaft braucht keine Propheten, denn Geisteswissenschaft steht ihrer ganzen Natur nach auf dem Boden, daß dasjenige, was sie zu sagen hat, Eigentum ist der Tiefen der Menschenseele, derjenigen Tiefen, in welche die Menschenseele nur nicht immer hinunterleuchten kann. Und dasjenige, was der Geistesforscher sagt, will er als schlichter Forscher erforschen. Er will aufmerksam machen auf dasjenige, was notwendig ist. Der Geistesforscher sagt: Ich habe es gefunden; wenn du suchst, findest du es selbst! ...

Ein gewaltiger Unterschied ist vorhanden in bezug auf das Verhältnis der Menschenseele zu der geistigen Welt gegenüber den vorchristlichen Zeiten. ...Seither erst kann jede Seele durch Selbsterziehung hinaufgelangen in die geistige Welt. Vor der Begründung des Christentums brauchte man die Mysterien, brauchte man die autoritativen Anweisungen der Lehrer. Selbsteinweihung hat es in alten Zeiten nicht gegeben. ...Dieser Umschwung ist möglich geworden durch das Mysterium von Golgatha. ...Etwas, was vorher nur im Geistigen zu finden war, wenn der Mensch den Leib verlassen hatte durch die Mysterien, der Christus selbst, er ist nach der Begründung des Christentums von jeder Menschenseele durch eigene Anstrengung zu finden. Dasjenige, was gleichsam die Mysterien in die Menschenseelen hineinbrachten, das liegt seit dem Mysterium von Golgatha in jeder Menschenseele, das ist allen Menschenseelen zuteil geworden. ..Das Christentum wird gerade durch die Geisteswissenschaft in einer solchen Tiefe erkannt, in einer solchen Wahrheit, in einer solchen Wichtigkeit erkannt, daß die Geisteswissenschaft Vertrauen haben darf, wenn sie in einer neuen Form diese alten christlichen Wahrheiten verkündigt. ...

Geistesforscher kann zwar ein jeder Mensch werden; ... Aber auch derjenige, der nicht Geistesforscher ist, kann, wenn er die Wahrheit in unbefangener Weise auf sich wirken läßt, von dieser Wahrheit durchdrungen werden. Und wenn er das nicht tut, dann kann er sich eben nicht frei machen von Vorurteilen. In der Seele des Menschen liegen alle Wahrheiten. Es hat vielleicht nicht jeder Mensch Gelegenheit, als Geistesforscher die Wahrheit des Geistigen zu überschauen; aber so wahr wir schon mit dem Denken aus dem Gebiet der Sinneswelt heraus sind, so wahr geht das Denken mit, wenn der Geisteswissenschaftler auf das aufmerksam machen will, was er auf seinen geistigen Wegen erforscht. Und nur aufmerksam machen will er darauf, daß es Wahrheiten gibt, die in jeder Seele keimen können, weil sie in jeder Seele vorhanden sind."


Aus Rudolf Steiner, Christus und die menschliche Seele. Über den Sinn des Lebens. Theosophische Moral. Anthroposophie und Christentum., GA 155, S 215 ff., Norrköping, 13. Juli 1914


Verwandte Themen:

Reinkarnation als Folgerung wissenschaftlicher Denkweise
Die Welt ist nicht subjektiv - Erkenntnistheorie
Die Überwindung des Rassismus durch die Überwindung des Materialismus






SYSTEMQUELLE.CRACKER.INFO Wahrheitssuche.org Community Mitglied werden jetzt!
Jetzt eintragen und nichts mehr verpassen mit der Wahrheitssuche-Community SYSTEMQUELLE.CRACKER.INFO - Wahrheitsbewegung
Unterstützung & Impressum