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Der "esoterisch-energetische Materialismus"  



"Fünfter Weltkongreß für Geistiges Heilen" in Basel

Magisches Heilen ohne esoterische Geisteswissenschaft

Wer nach diesem PSI- Kongreß noch an der Wirksamkeit des 'geistigen Heilens' zweifelt, dem ist wohl kaum noch zu helfen. Es gibt mittlerweile weltweit eine so zahlreiche und zugleich so gediegene Fülle von unter Laborbedingungen wissenschaftlich gesicherten Experimenten, welche die Fähigkeiten der Heiler unter Beweis stellen, daß man darüber ohne weiteres wochenlang Seminare und Live-Tests durchführen könnte - auf dem Kongreß geschah dies immerhin drei Tage lang. Hinzu kommen die unzähligen Heilerfolge, von denen viele schulmedizinisch 'austherapierte' Patienten berichten, welche zugleich von schulmedizinischen Ärzten bestätigt wurden. Auffällig war jedoch, daß am dritten Tag des Kongresses, obwohl er unter dem Motto 'Heilen verstehen' stand, fast überhaupt kein esoterisches Wissen geboten wurde. [...]

Das Verstehen beschränkte sich auf dem Kongreß, wie man es auch sonst in der New-Age-Bewegung oft beobachten kann, auf das fast schon gebetsmühlenartige Wiederholen jener einen, an sich völlig banalen und zugleich denkbar materialistischen Theorieschablone, die, von keiner Seite hinterfragt, als gemeinsamer Konsens aller esoterischen Richtungen und Religionen und als ausreichendes Erklärungsmodell aller geistigen Heilungen dargestellt wurde, als ob es sich dabei um eine selbstverständliche Wahrheit handle: Donatus Rüetscht, Mediziner, Heuer und Medium, brachte sie auf den Punkt:
Die unterschiedlichen Weltanschauungssysteme und Religionen mögen es mit verschiedensten Namen benennen; man nenne es Gott, geistiges Licht, Liebe, höhere Schwingung, Brahma, Chi oder Allah, es ist im Grunde alles dasselbe: es ist 'Energie'. Diese Energie ist überall und jederzeit vorhanden. Der Heiler ist nur der 'Kanal', der vor allem lernen müsse, diese Energie ungehemmt durch sich strömen zu lassen. Da diese Energie alles lenkt und weiß, was bei der Heilung geschehen soll, sind auch in diesem Sinne Heiler und Patient nur Kanäle, die nichts selbst zu verstehen oder zu tun brauchen, sondern nur die Aufgabe haben, sich dem Energiestrom rückhaltlos zu öffnen und vertrauensvoll hinzugeben, dann werde die Heilung 'von selbst' geschehen.


Sicherlich gibt es in der New-Age-Bewegung, welche man heute eigentlich trefflicher die 'Energie-Bewegung' nennen würde, auch interessante Ausnahmen, die sich von dem esoterischen Energiereduktionismus distanzieren (hier wäre zum Beispiel der Geomantie-Experte, Erd- und Landschaftsheiler Marko Pogacnik zu nennen). Nicht selten aber sind die vermeintlichen 'Ausnahmen' nur scheinbare Ausnahmen. Wenn ein 'spiritueller Lehrer' Worte wie 'Bewußtsein', 'Erkenntnis:', 'Karma', 'Engel', 'Hellsehen' oder 'Wissenschaft' verwendet, so heißt das noch lange nicht, daß sein Denken und Erleben wirklich über den esoterisch-energetischen Materialismus hinauskommen. Man muß schon genau prüfen, ob unter solchen geistig klingenden Worten auch tatsächlich ein umfassendes und wahrhaft spirituelles Geisteswissen und -schauen steht oder ob es eben doch nur Worthülsen sind, hinter denen sich ein rein 'energetisches Denken' und Erleben verbirgt.

Diese aus der Physik bekannte und daher wissenschaftlich erscheinende, materialistische Energie-Theorie, die als 'Überwindung des Materialismus' gefeiert wird, sowie auch die nach dem Muster physikalischer Experimente aufgebauten Messungen der Wirkungen des 'energetischen Heilens' täuschen vor, verstehbar machen zu können, was durch diese 'Heilungen' geschieht. Messungen können energetische Wirkungen in Gehirnwellen sichtbar machen, stellen aber dadurch noch längst keine Einsicht in die esoterischen Vorgänge dar, die sich während der 'Heilung' in der geistigen Welt abspielen. Ebenso können weder die hypothetisch-physikalische Theorie von einer 'universellen Energie' noch das Spüren von 'stromstoßähnlichen Energien' noch das visionäre Sehen von 'Lichtauren' oder das Hören von 'Stimmen von Geistführern' und dergleichen als übersinnliche Erkenntnisse gelten, durch welche mit Sicherheit entschieden werden könnte, welche Arten von geistigen Wesen es sind, die sich in solchen Energie-Erlebnissen offenbaren. Den meisten Psi-Heilern kann, meinen Beobachtungen und Gesprächen zufolge, die Fähigkeit zu einer solchen übersinnlich-hellseherischen - oder auch nur denkerischen - Erkenntnis nicht zugesprochen werden.

Neben den wissenschaftlichen Beiträgen vieler Ärzte Physiker oder Gehirnforscher, die auf dem Kongreß referierten, bildeten die träumerischen Gesänge der indischen Mantra-Singenn Mohani Heitel, die Geister-Anrufung des in den Pyramiden Südamerikas zum Maja-Priester geweihten Schweizers Norbert Muigg oder die schamanischen Trommelschläge eines Carlo Zumstein einen kontrastierenden Gegenpol. Es entstand eine eigenartige Mischung aus westlicher Wissenschaftlichkeit und archaischer Trance-Stimmung, kalten Zahlentabellen und Apparaturen auf der einen, schwül-sentimentalen Esoterikträumen auf der anderen Seite.


Quelle: Das Goetheanum. Nr.4. 20 Januar 2002.



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