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Magie im Verhältnis zu Einweihung und Hellsehen


Was ist nun Magie? In allen alten okkulten Schulen gab es drei Arten, hinaufzugelangen zu den höchsten Gebieten des Erkennens. Die erste Art war die des Eingeweihten, des Initiierten, die zweite Art war die des Hellsehers und die dritte Art war die des Magiers. Das sind drei ursprünglich voneinander grundverschiedene Dinge: Einweihung, Hellsehertum und Magie. Machen wir uns zunächst durch einen einfachen Vergleich klar, was ein Eingeweihter, was ein Hellseher und was ein Magier ist. Denken Sie sich irgendeine Gegend, wo man keine Eisenbahnen, keine Dampfschiffe und so weiter kennt, wo die Menschen ohne Eisenbahnen und ohne Dampfschiffe leben. In einer solchen Gegend ist der Umstand, daß es Eisenbahnen und Dampfschiffe gibt, der reine Okkultismus. Okkult bedeutet so viel wie geheim, etwas, wovon die Leute nichts wissen. Wenn nun einer aus der Gegend, wo es keine Eisenbahnen und so weiter gibt, in eine andere Gegend reist, wo er Eisenbahnen und Dampfschiffe sieht, und er kommt dann wieder in seine Heimat zurück, dann erzählt er seinen Leuten, daß es Eisenbahnen und Dampfschiffe gibt. Er weiß es aus eigener Anschauung, denn er hat in eine Welt hineingesehen, die für die anderen noch ein Geheimnis ist.


Wer durch okkulte Schulung hineingeführt wird in die höheren Welten, der ist in dieser Beziehung ein Hellseher. Er weiß aus eigener Anschauung, daß es geistige Welten und Wesenheiten, geistige Kräfte gibt. Die geistigen Welten haben verschiedene Stufen. Es kann ein Mensch auf der einen Stufe Hellseher sein, einige Erscheinungen sehen, aber andere Erscheinungen nicht sehen. Nun müssen Sie sich etwas vor die Seele rufen, was hier öfter gesagt worden ist: Zum Auffinden und zum selbständigen Erforschen okkulter Wahrheiten gehört Hellsehertum. Nicht aber gehört Hellsehertum dazu, diese Wahrheiten einzusehen. Dazu reicht der gewöhnliche Menschenverstand aus, wenn er nur in genügend umfassender Weise richtig angewendet wird. Wer sagt, was in okkulten Berichten mitgeteilt wird, das könne er nur begreifen, wenn er ein Hellseher wäre, der benützt einfach seinen Verstand nicht genügend. Finden kann der Mensch die okkulten Wahrheiten nicht mit dem Verstande, aber einsehen kann er sie. Alles, was aus der Geistesforschung heraus erzählt wird, kann man einsehen, wenn man nur gründlich nachdenken will. Nur finden kann man ohne Hellsehen die okkulten Wahrheiten nicht, dazu gehört Hellsehertum. Was also durch Theosophie verkündigt wird, das könnten die, welche gründlich darüber nachdenken, auch einsehen.

Man kann, bis in die höchsten Gebiete der okkulten Erlebnisse hinauf, die Sachen erzählt erhalten, und man kann sie dann einsehen. So gab es in den okkulten Schulen immer Hellseher, welche durch jene Methoden, die angewendet wurden, hineinschauen lernten in die geistigen Welten. Das waren oftmals sehr langwierige Methoden. Aber neben diesen Hellsehern gab es immer auch Eingeweihte. Das waren diejenigen, die aus ihren umfassenden und willig angewandten Verstandeskräften heraus die Tatsachen und Gesetze der höheren Welten eingesehen hatten. Das waren Eingeweihte. Heute ist dieses Verhältnis von Eingeweihten und Hellsehern kaum mehr gut möglich, weil heute jeder Mensch von dem großen Egoismus befallen ist, selbst sehen zu wollen. Von jener Liebe und jenem Vertrauen, die in den okkulten Schulen der Vorzeit herrschten, machen sich die Menschen heute kaum einen Begriff.

Da war der Hellseher, der vielleicht durch Inkarnationen hindurch in entsagender Weise die Methoden anwendete und sich geübt hat, um hineinzuschauen in die höheren Welten, der vieles sehen konnte in diesen höheren Welten, und der sich selbst enthielt, die Gesetze dieser höheren Welten kennenzulernen, um sich nicht aufzuhalten durch Gesetze, sondern um durch eine raschere Entwickelung hellseherischer Fähigkeiten der Menschheit einen größeren Dienst zu erweisen. Dieses Entsagen ist nicht so ohne weiteres leicht zu nehmen. Es ist etwas Großes und Gewaltiges, wenn irgend jemand sich entschließt, Hellseher zu werden, ohne zu gleicher Zeit die ganze Art der Gesetzmäßigkeit in den höheren Welten kennenzulernen; und wenn er darauf wartet - vielleicht Tausende von Jahren -, bis er das erreicht, so kann er das nur unter der Bedingung tun, daß er sich unter die strenge Obhut eines gewählten Gurus oder Lehrers stellt. Denn träte er als bloßer Hellseher an die Dinge der geistigen Welt heran, ohne deren Gesetze zu kennen, so würde er bald auf Irrpfade und in die wüstesten Irrtümer hineinkommen, wenn er nicht in allen wichtigen Dingen den Rat des Guru annehmen würde.

Andere gab es, die verzichteten überhaupt auf die Entwickelung höherer hellseherischer Gaben, weil sie eingeweiht werden wollten in die Gesetze der höheren Welten. Sie vertrauten in Liebe und Hingebung dem, was ihnen die Seher sagten, aber sie kannten die Gesetze. Um das zu erläutern, kann man ein Beispiel anführen aus der gewöhnlichen Welt. Denken Sie sich einen Menschen, der außerordentlich gut sieht, der alle möglichen Phänomene sehen kann mit seinen Augen, der aber von den Gesetzen der Lichterscheinungen nichts versteht. Und denken Sie sich einen anderen Menschen, der sehr kurzsichtig ist und kaum ein paar Zentimeter vor seine Augen hin sieht, der aber die physikalischen Gesetze der Lichterscheinungen gut kennt. Die beiden können gut zusammenwirken und -arbeiten, der eine kennt die Gesetze, der andere kennt sie gar nicht, aber dafür sieht er die Erscheinungen. Und das gilt noch viel mehr für die höheren Gebiete. Es ist möglich, daß einer ein in höhere Grade Eingeweihter wird, ohne Anspruch zu machen auf hellseherische Kräfte. Das war in den alten okkulten Schulen durchaus üblich, daß diese zwei Klassen nebeneinander waren. Willig haben die Hellseher den Ratschlag von gar nicht hellsehenden Eingeweihten angenommen. Insbesondere war dies notwendig für die Fälle, in denen ein hoher Grad des Hellsehens und ein hoher Grad der Einweihung erforderlich war, so zum Beispiel für alles, was sich auf das astrologische Gebiet bezieht.

Das war so, daß diejenigen, welche sich die umständlichen Gesetze der Astrologie umfassend aneignen wollten, in der Regel verzichten mußten auf jenes hohe Hellsehen, welches die astralischen Hellseher sich anzueignen hatten. Sie ergänzten sich gegenseitig. Nur in der neueren Zeit, wo der Mensch materialistisch denkt und fühlt, muß man sich klar machen, daß es unmöglich ist, diese beiden Gebiete streng zu trennen, und deshalb wird seit dem 14. Jahrhundert kein Unterschied mehr zwischen den beiden Klassen gemacht, so daß der Lehrer keinem eine Einweihung mehr erteilt, ohne zu gleicher Zeit einen gewissen Grad des Hellsehens zu geben. Das geht nicht anders, weil es mit dem Egoismus und mit der Vertrauenslosigkeit, die heute herrschen, gar nicht anders vereinbar sein würde. Daher wird zwischen den beiden kein Unterschied mehr gemacht, denn die Menschen können heute gar nicht selbstlos sein.

Nun unterscheidet sich aber sowohl vom Hellseher als auch vom Eingeweihten der Magier. Für den, der selbst in die höheren Welten hineinschauen kann, folgt noch lange nicht, daß er die in die sinnliche Welt hineinwirkenden Kräfte auch schon beherrschen und anwenden kann. Oder glauben Sie, daß ein Mensch, der in eine Gegend die Kenntnis von der Lokomotive, dem Dampfschiff und der Dampfmaschine gebracht hat, nun auch gleich eine solche Maschine bauen könnte? Er kann ihnen erzählen, wie solche Dinge ausschauen, aber er wird nicht gleich verstehen, sie zu bauen. Daß der Hellseher selbst hineinsehen kann in die höheren Welten, daraus folgt noch nicht, daß er auch die Kräfte, die hereinwirken in die Sinneswelt, zu beherrschen und anzuwenden versteht. Der erst ist Magier oder Adept, der die höheren Kräfte, von denen alles physische Geschehen ein Ausdruck ist, in der Welt hier anzuwenden versteht, der also imstande ist, nicht nur die physischen Kräfte und die physischen Mächte zu Rate zu ziehen, wenn es sich um irgend etwas bei seinem Tun handelt, sondern der die höheren Kräfte spielen lassen kann. Das ist in unserer Zeit eigentlich keine Kleinigkeit, Magier oder Adept zu sein. Es gibt keine Zeit in der Menschheitsentwicklung, die dem Magiertum oder Adeptentum so durchaus entgegengesetzt war, wie unsere heutige es ist. Und man dient heute der Menschheit unter gewissen Verhältnissen am besten dadurch, daß man sich darauf beschränkt, die Erkenntnisse der höheren Welten zu verbreiten, und selbst - vielleicht mit blutendem Herzen -, auch in Fällen, wo die Anwendung magischer Kräfte vielleicht am Platze wäre, darauf verzichtet.

Denn das heutige öffentliche Leben ist so fremd dem Begriffe des Magiertums, daß unter Umständen der Einfluß höherer Welten auf diese unsere Welt einen Rückschlag bedeuten würde, wenn unmittelbar magische Kräfte angewendet würden. Wer eine gewisse Übung in der Anwendung der Kräfte hat, und zu den Kenntnissen sich auch den Mechanismus angeeignet hat, der muß in gewissen Fällen sich enthalten, diese Kräfte anzuwenden, aus dem einfachen Grunde, weil es unmöglich ist, heute gegen die Strömung der Zeit in der Welt anzulaufen. Zum Magier gehört nicht nur Hellsehen und Einweihung, zum Magier gehört auch Übung. Das ist es, um was es sich handelt. Der Magier muß entsagungsvoll durch lange Zeiten hindurch gewisse Verrichtungen sich aneignen, er muß sich üben. Denken Sie nur einmal, wieviel Sie wissen können - schon in der physischen Welt -, ohne daß Sie selbst in der Lage wären, auch wirklich das ausführen zu können, wovon Sie erzählen können, wovon Sie etwas wissen. In vieles können Sie eingeweiht sein. Ganz genau können Sie wissen, wie eine Lokomotive konstruiert ist, aber ohne daß Ihnen jemand gleich den Auftrag geben würde, eine Lokomotive zu bauen, da er damit riskieren würde, das Geld zum Fenster hinauszuwerfen. So ist es auch auf den höheren Gebieten. Übung macht den Magier, Wahrnehmen in den höheren Welten macht den Hellseher, Wissen und Erkenntnis der Gesetze in den höheren Welten macht den Eingeweihten.

Es war nun in den verflossenen Zeiten durchaus unstatthaft irgendeine magische Verrichtung zu vollziehen, ohne im Einklang zu stehen mit den Leitern der Welt, der `Erden-RegierungA, die man auch nennt die Meister der sogenannten weißen Loge. Alle okkulten Schulen, die es überhaupt gibt und alles Lehren kann nur die unterste Stufe zur höheren Entwickelung sein; auf ihr müssen sich immer höhere und höhere Stufen aufrichten, bis hinauf zu den eigentlichen Leitern der Erdenentwickelung. Auf der höchsten Stufe sind diejenigen, die die Weisheit nicht nur wissen, sondern welche die Erde in ihrer Entwickelung `regierenA, welche die Weisheit einfließen lassen in die Erdenentwickelung. Sie allein sind imstande, bei jeder einzelnen Handlung, der geistige Kräfte zugrunde liegen, anzugeben, ob sie in dem ganzen Zusammenhang stört oder nicht stört. Wenn Sie ein Haus bauen und den Plan zum Haus angeben, so muß jeder einzelne Arbeiter an dem Haus im Einklang mit dem Plane arbeiten. Und wenn jemand kommt und es ihm einfällt, ein Fenster anders zu machen, als es im Plan vorgesehen ist, so kann dieses Fenster noch so schön und großartig sein, das ganze Haus ist gestört. Wenn irgend jemand in der Welt durch geistige Kräfte etwas vollbringen will, so kann dies noch so bedeutungsvoll und noch so grandios sein -, wenn es in den ursprünglichen Plan der Erdenentwickelung nicht hineinpaßt, so stört es die Erdenentwickelung und wirft sie zuweilen um lange Zeit zurück.

Unmöglich kann der Mensch, der keine geistigen Kräfte anwendet, diesen Plan der Erdenentwickelung stören. Und warum nicht? Weil in bezug auf die geistigen Kräfte dasjenige, was die Menschen ohne Wissen von den höheren Welten tun, sich so verhält wie ein Naturereignis zu einem Haus. Was von der Witterung durch Wärme- und Sonnenverhältnisse an einem Haus ruiniert wird, das muß ruiniert werden, das ist in einer gewissen Weise selbstverständlich. So verhalten sich auch die Absichten derer, die keine Beziehung haben zu der höheren Welt. Die Taten derjenigen aber, die irgendeine Beziehung haben zu den höheren Welten, die verhalten sich, wenn sie etwas tun, was nicht im Einklange ist mit der geistigen Welt, so, wie wenn jemand mit einem Hammer auf eine Sache einschlägt. Was ist also notwendig, damit der Fortschritt des Menschengeschlechtes sich vollzieht? Wenn okkulte Kräfte angewendet werden, so ist es absolut notwendig, daß der Zusammenhang mit den zentralen geistigen Mächten der Welt aufrechterhalten wird, und es ist absolut notwendig, daß an keinen, der diesen Zusammenhang nicht suchen will, die geistigen Kräfte ausgeliefert werden. Damit hängt es zusammen, daß in allen wirklichen okkulten Schulen über der Mitteilung geistiger Kräfte das Geheimnis waltet und daß keinem, der sich nicht verpflichtet, den Zusammenhang mit den führenden geistigen Wesenheiten aufrechtzuerhalten, solche Geheimnisse ausgeliefert werden. Nur bei der 'zentralen Regierung' der Erde steht die Möglichkeit, zu wissen, um was es sich handelt. Und das muß man wissen, wenn man geistige Kräfte anwenden will.

Teilt man irgend etwas einem anderen mit in unbefugter Weise, wodurch dieser andere sich in Gegensatz stellen kann zum großen Plan der Erdenentwickelung, dann begeht man die erste Art von schwarzmagischer Handlung. Daher gilt als Grundsatz: Die erste schwarzmagische Handlung ist der Verrat okkulter Geheimnisse. Das Schwätzen und Ausplaudern von okkulten Geheimnissen ist der erste Fall von schwarzer Magie, denn da liefern Sie die okkulten Geheimnisse aus an diejenigen, welche sich in Gegensatz stellen zu der zentralen Leitung der Erdenentwickelung, weil Sie den Zusammenhang nicht kennen. Wo tritt denn das auf, wo wird das real? Real wird es überall da, wo im Dienste nicht der ganzen Erdenführung, sondern im Dienste irgendeiner begrenzten Körperschaft, die keinen Zusammenhang haben will mit der im Dienste der Menschheit stehenden Erdenführung, okkulte Geheimnisse ins Werk gesetzt werden.

Erhält also zum Beispiel der Mensch diejenigen Dinge, die er nur dann anwenden darf, wenn er über alle nationalen und Rassenvorurteile hinweg ist, früher ausgeliefert, wendet er sie an, bevor er über diese Vorurteile hinweg ist und bevor er eine Ahnung davon hat, was es heißt, ein "heimatloser Mensch" zu sein, dann geht ganz genau dasselbe, was sonst weiße Magie ist, in den Dienst der schwarzen Magie über. Ganz genau dasselbe. Wenn dasjenige, was der Menschheit dienen soll, verwendet wird in dem Dienst einer abgesonderten Rasse, etwa um dieser Rasse die Oberherrschaft über die Erde zu verschaffen, dann ist das im großen Maßstabe schwarze Magie, denn es geschieht nicht im Einklange mit der Erdenführung. Es ist das erste Erfordernis: hinaus zu sein über das, was uns nur mit einem Teil der Menschheit verbindet. Für einen heutigen weißen Magier gilt das als erster Grundsatz. Nicht Selbstloslgkeit kann der Mensch anstreben, aber Liebe für die ganze Menschheit. Erweitern kann er das Gebiet seiner Liebe. Das kann er, und das ist es auch, worum es sich handelt.


Quelle: Rudolf Steiner: "Weiße und schwarze Magie" in "Mythen und Sagen" (GA 101)

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