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Die geheimen Armeen der NATO




Die NATO hat in allen Ländern Westeuropas während des Kalten Krieges Geheimarmeen unterhalten. Ein Schweizer Forscher publizierte im März 2005 das Standardwerk zu dieser Frage. Das Bulletin hat mit Dr. phil. Daniele Ganser, Friedensforscher und Senior Researcher am ETH Center für Security Studies, über sein wegweisendes Buch gesprochen. Daniele Ganser, Jg. 72, lebt in Basel. Das Interview führte Martin Stuber am 15. September 2005 in Basel


BULLETIN: Kannst du die wichtigsten Erkenntnisse in deinem Buch für unsere Leserschaft zusammenfassen?

Daniele Ganser: Die zentrale Erkenntnis meiner Forschungsarbeit ist, dass es in der Zeit des Kalten Krieges – also zwischen 1945 und 1990 – in allen westeuropäischen Ländern Geheimarmeen gegeben hat. In Italien war das die Gladio, in der Schweiz die P26, in Norwegen das ROC, in Dänemark Absalon etc. Ein zweiter wichtiger Punkt ist, dass diese Armeen von der NATO koordiniert und kommandiert wurden. Innerhalb des SHAPE* gab es dafür zwei Kommandostrukturen, das ACC* und das CPC*. Drittens weiss man heute, dass ein Teil dieser Armeen die Strategie der Spannung praktiziert hat.

BULLETIN: Welche Aufgaben hatten diese Geheimarmeen?

D. Ganser: Als sogenannte «stay behind armies» hätten sie im Falle einer Invasion durch den Warschauer Pakt auf besetztem Gebiet eine Widerstandsarmee gebildet und mit Sabotageakten und Gefechten den Invasor schwächen sollen. Zu diesem Zweck wurden im Lande verteilt geheime Depots mit Waffen, Munition, Sprengstoffen und anderer militärischer Ausrüstung angelegt.

BULLETIN: Und was war das Ziel der «Strategie der Spannung“?



D. Ganser: In einigen Ländern, aber nicht in der Schweiz, waren die Geheimarmeen in eine ganze Serie von terroristischen Operationen und Menschenrechtsverletzungen verwickelt, die dann den Kommunisten in die Schuhe geschoben wurden, um die Linke zu diskreditieren und bei den Wahlen zu schwächen. Diese Operationen hatten immer zum Ziel, ein Maximum an Angst in der Bevölkerung zu verbreiten. Sie reichten von Bombenanschlägen in Zügen, auf Marktplätzen und Bahnhöfen (Italien) über systematische Folterungen von Regimegegnern (Türkei), der Unterstützung für rechte Staatsstreiche (Griechenland und Türkei) bis zur Zerschlagung von oppositionellen Parteien im eigenen Land (Spanien) oder in den abhängigen Kolonialgebieten (Portugal).

 Man muss sich das so vorstellen, dass die geostrategischen Hauptakteure und ihre Geheimdienste – also in den USA die CIA und in England der MI6, – sich gesagt haben: Wenn in einem europäischen Land eine kommunistische Regierung an die Macht kommt, dann wird der Westen von innen heraus destabilisiert, und wenn sie den Verteidigungsminister stellen können sie NATO Geheimnisse an Moskau verraten und erfahren zudem von der Geheimarmee – also müssen sie mit allen Mitteln von der Regierung ferngehalten werden. Andererseits bestanden in den meisten Ländern Demokratien, wo die Leute frei wählen konnten, also wurde ein Mittelweg gesucht. Mit der Strategie der Spannung wurden die Leute gezielt manipuliert.

BULLETIN: Kannst du das an einem konkreten Beispiel erläutern?

D. Ganser: Vielleicht das am besten dokumentierte Beispiel ist der Anschlag von Peteano 1972 in Italien. Ein «kleiner» Anschlag, wo Carabinieri – Mitglieder der italienischen kasernierten Polizei – durch einen anonymen Anruf zu einem Auto gelockt wurden, das explodierte, als sie die Motorhaube öffneten. Alle drei Carabinieri wurden getötet. Der Anschlag wurde den Italienischen Linksterroristen, den Roten Brigaden, angehängt. Erst viele Jahre später wurde klar, dass der Neofaschist Vincenzo Vinciguerra der Täter war. Er erklärte bei seiner Vernehmung durch den Richter Felice Casson die Strategie der Spannung. Casson war der Richter, der mit seinen Untersuchungen darauf die Gladio Geheimarmeen der NATO aufdeckte. Vinciguerra verachtete als Katholik den atheistischen Kommunismus, der mit allen Mitteln bekämpft wurde.

Interessant ist, dass Vinciguerra erzählte, wie er vom Geheimdienst geschützt wurde. Was wiederum bedeutete, dass der Geheimdienst die Aktionen nicht selber ausführen musste. Es genügte, in der Gesellschaft Leute zu finden, die genügend Hass auf den «inneren Feind» aufbrachten, diese mit Sprengstoff aus den geheimen Depots der Gladio zu versorgen und nachher falsche Spuren zu legen, z.B. mit fabrizierten Bekennerschreiben. So wurde zum Beispiel auch der damals in Italien prominente linke Verleger Feltrinelli diskreditiert. Feltrinelli kam übrigens selber unter nie geklärten mysteriösen Umständen bei einem missglückten Bombenanschlag ums Leben... Um sie vor dem Zugriff der Justiz zu schützen, wurden rechtsextreme Attentäter oft nach Spanien ausgeflogen, wo sie unter der Diktatur Francos nichts zu befürchten hatten.

BULLETIN: Du sagtest, dass es in jedem westeuropäischen Land diese Geheimarmeen mit ihren geheimen Waffen- und Sprengstoffdepots gab...

D. Ganser:...ja, aber Achtung: Nicht in jedem Land wurde die Strategie der Spannung angewendet...

BULLETIN:...aber es gab noch eine dritte Aufgabe für diese Geheimarmeen, nämlich die direkte militärische Interventionen. Du schilderst in deinem Buch zum Beispiel den Militärputsch in Griechenland von 1967, in dem die NATO-Geheimarmee eine Rolle spielte.

D. Ganser: In Griechenland war die LOK beteiligt am Staatsstreich, der eine brutale Militärdiktatur an die Macht brachte, welche die Oppositionellen systematisch folterte. Die Frage ist aber: Braucht es eine Geheimarmee, um einen Militärputsch durchzuführen. Die Geschichte des Pinochet-Putsches 1973 in Chile ist in dieser Beziehung lehrreich. Dort wollte der CIA schon früher einen Militärputsch einleiten, worauf ihm aber ein Teil der Armee, der loyal zur Regierung Allende stand, die Unterstützung versagte. Wir sehen also, dass die Armee nicht unbedingt ein homogenes Gebilde ist.

In einer solchen Situation kann eine Geheimarmee, wie wir sie in Europa hatten, das radikale Element innerhalb der Armee bilden, welches einen solchen Putsch dann erst ermöglicht oder zumindest erleichtert. In der Türkei 1980 dürfte es so gelaufen sein, denn General Evren, der sich mit einem Putsch zum Präsidenten machte, hatte direkte Verbindungen zur Geheimarmee. In der Türkei hiess sie «Counterguerilla», weil sie im Bürgerkrieg gegen die Kurden eingesetzt wurde. Die Geheimarmeen haben eigentlich in jedem Land eine Schattierung angenommen, die aus der Geschichte des jeweiligen Landes heraus erklärbar ist: In Frankreich ist es um Algerien gegangen, in der Türkei um die Kurden, in Italien um die Kommunisten etc.

BULLETIN: Und worum ist es in der Schweiz gegangen? Du hast ja herausgefunden, dass es nicht nur in den NATO-Staaten diese Geheimarmeen gab, sondern auch in den vier neutralen Ländern Finnland, Schweden, Österreich und Schweiz.

D. Ganser: Ja, das ist so. Als in Italien die Sache mit Gladio 1990 aufflog, stellte sich die Frage in den neutralen Ländern: Gibt es bei uns auch so eine Geheimarmee? Die zweite Frage war, inwieweit diese Geheimarmee mit der NATO verbunden war und drittens: Ist sie in die Strategie der Spannung verwickelt?

BULLETIN: Die erste Frage hat bekanntlich eine parlamentarische Untersuchungskommission beantwortet: Mit der P26 existierte auch in der Schweiz eine solche Geheimarmee.

D. Ganser: Ja. Unabhängig von den Ereignissen in Italien wurde 1989 der Fichenskandal publik, als die PUK EJPD herausgefunden hat, dass etwa jedeR siebte EinwohnerIn fichiert worden ist, also 900'000 Fichen auf 7 Millionen Einwohner. Die Frage lag auf der Hand, ob es auch im Verteidigungsministerium – im damaligen EMD – Fichen hatte. Kaspar Villiger, der damalige Vorsteher des EMD, meinte, das sei unvorstellbar, das Parlament hingegen war da nicht so sicher und so begann eine PUK EMD unter dem Vorsitz von Ständerat Carlo Schmid mit der Untersuchung.

Im November 1990 legte diese PUK ihren Bericht vor und dokumentierte, dass sie erstens Fichen im militärischen Geheimdienst gefunden hatte und nicht nur das: sie fand zusätzlich noch einen geheimen Nachrichtendienst, die P27 und eine geheime Guerillatruppe, die P26 unter dem Kommando von Efrem Cattelan. Carlo Schmid sagte später, er habe während den Untersuchungen 8 Kilo verloren und dass die konspirative Atmosphäre für ihn ein extremer Stress gewesen sei. Er hielt es für unglaublich, dass so etwas in der Schweiz möglich ist. Die Spitzen der Armee hingegen erklärten, sie hätten zu Recht das Land auf den Widerstand in feindbesetztem Gebiet vorbereitet, denn dies könne man nicht auf die Schnelle improvisieren.

BULLETIN: Wie gross war die P26?

D. Ganser: Etwa 400 Mann. Wobei zu beachten ist, dass dies die Kader waren. Im Falle einer Invasion wären das die Leiter einer Untergrundarmee geworden. Es gab auch in der Schweiz diverse geheime Depots mit Schusswaffen, Handgranaten, Munition, Sprengstoff und Gold. Gold ist die Kriegswährung.

BULLETIN: Und die beiden anderen Fragen?

D. Ganser: Es gab in der Schweiz keine Strategie der Spannung. Mir ist nur eine Sache im Zusammenhang mit dem Kampf gegen die AKWs bekannt: die Sprengung diverser Strommasten und des Infopavillons in Kaiseraugst. Das waren glücklicherweise die einzigen eigentlichen Terroraktionen, welche die Schweiz in der Zeit des Kalten Krieges erlebt hat. Sie wurden nie aufgeklärt. Der Bundesrat hat in seiner Antwort auf eine parlamentarische Anfrage damals gesagt, die Geheimarmee sei nicht in diese Geschichten verwickelt. Aber nachgegangen bin ich dem nicht. Bekannt – respektive der Öffentlichkeit wenig bekannt - ist nur ein Todesopfer im Zusammenhang mit der P26, nämlich der Fall Herbert Alboth.

BULLETIN: Kannst Du diesen Fall erläutern?

D. Ganser: Die Bedeutung dieses Todesfalles konnte man damals nicht erkennen, weil zum Zeitpunkt seines Todes die Existenz der P26 noch gar nicht bekannt war. Herbert Alboth hatte in führender Position im «Spezialdienst» gedient, der Vorgängerorganisation der P26. Im Frühling 1990 gelangte er an Verteidigungsminister Villiger und bot ihm in einem Brief an, detaillierte Informationen zu allen Fragen rund um die P26 zu liefern. Es kam nie zu diesem Treffen mit Villiger - Alboth wurde am 17. April 1990 in seiner Wohnung in Bern Liebefeld tot aufgefunden – erstochen mit seinem eigenen Militärbajonett. Der Todesfall wurde nie geklärt, auch die PUK EMD hat einfach festgestellt, dass er tot ist, ging der Frage aber nicht nach. Leben und Tod von Herbert Alboth wäre sicher ein interessanter Forschungsgegenstand.

BULLETIN: Eine der Fragen, die Alboth wahrscheinlich hätte beantworten können, ist diejenige nach der Einbindung der P26 in die NATO-Kommandostrukturen. Eine Frage, welche die PUK EMD nicht untersucht hat.

D. Ganser: Ja, Alboth wäre auch dafür eine wichtige Quelle gewesen. Die NATO-Frage wurde von der PUK EMD nicht untersucht, sie hatte kein derartiges Mandat. Ihr Fokus war ja national, der Ausgangspunkt waren die Fichen. Der Gladio-Skandal in Italien platzte genau um die Zeit, als der PUK-Bericht veröffentlicht wurde. Im Parlament wurde dann aufgrund der Ereignisse in Italien die Forderung erhoben, auch die Verbindungen der P26 zur NATO und zu ausländischen Geheimdiensten zu untersuchen. Der Bundesrat beauftragte den Neuenburger Untersuchungsrichter Pierre Cornu mit dieser Nachforschungsarbeit.

Im Frühling 1991 erschien der 100-seitige «Cornu–Bericht». Der Bundesrat klassifizierte den Bericht sofort und machte der Öffentlichkeit nur eine 12seitige Zusammenfassung zugänglich. Während der Forschung für meine Doktorarbeit habe ich bei der zuständigen Delegation der nationalrätlichen Geschäftsprüfungskommission Einsicht in den Bericht verlangt. Die Delegation hat das auf Anraten von Bundesrat Ogi, der eine Belastung der Beziehungen zu bestimmten Ländern befürchtete, abgelehnt. Zurzeit ist die Motion von Jo Lang hängig, der eine Veröffentlichung des Cornu-Berichtes verlangt.

BULLETIN: Ein ziemlich deutlicher Hinweis darauf, dass es diese Verflechtungen mit ausländischen Geheimdiensten gab...

D. Ganser: Hinweis schon, Beweis nicht. Es ist aber aus der Zusammenfassung bekannt, dass sehr enge Beziehungen der P26 zum britischen MI6 bestanden. Die Schweizer trainierten in England, richteten in London eine Funkübermittlungszentrale ein und verwendeten das «Harpoon»-Funksystem der Nato-Geheimarmeen. Mit dieser engen Verbindung nach London hatte die P26 natürlich auch direkten Kontakt zur Geheimarmee-Leitstelle; sie war so also indirekt durchaus in die NATO-Strukturen integriert. Ob die Schweizer direkt an den NATO-Sitzungen teilgenommen haben, wissen wir nicht. Die entsprechenden Protokolle von ACC und CPC sind nicht zugänglich. Und die Engländer sagen grundsätzlich gar nichts, der MI6 ist extrem verschlossen. Seine Existenz wurde offiziell erst 1994 zugegeben...

BULLETIN: Wie ist denn Cornu zu seinen Informationen gekommen?

D. Ganser: Er ist nach Italien gegangen, wo zu der Zeit die Untersuchungen der Gladio auf Hochtouren lief, und zum Belgischen Senat, der ebenfalls seine Geheimarmee untersuchte. Von den Geheimdiensten selber hat er praktisch nichts bekommen.

BULLETIN: Und Dokumente in der Schweiz?

D. Ganser: Es ist sehr viel Material zerstört worden, bevor es von der PUK eingesehen werden konnte.

BULLETIN: Und heute?

D. Ganser: Die P26 wurde aufgelöst, Cattelan wurde entlassen, die Depots aufgehoben. Der Skandal um Dino Bellasi hat dann 1999 erstmals die Frage aufgeworfen, ob wieder eine Geheimarmee im Land existiere. Aber Bellasi ist eine schlechte Quelle, er hat sich in verschiede Widersprüche verstrickt, und aus geostrategischen Überlegungen heraus zweifle ich eher daran, aber wir wissen es nicht. Denn wie wir gesehen haben, sind diese Machenschaften geheim und entziehen sich immer wieder demokratischer Kontrolle. Deshalb ist es ja auch so wichtig, dass die demokratisch gewählten Institutionen, welche das kontrollieren sollten, hartnäckig dran bleiben.

BULLETIN: Wie sieht es jetzt in Europa aus? In deinem Buch kommt sehr klar zum Ausdruck, dass das Parlament der EU eine Aufklärung wollte, aber scheiterte - wohl weil der CIA zusammen mit dem MI6 die treibende Kraft hinter den Geheimarmeen war, sie zum Teil sogar direkt aufgebaut hat, etwa in Griechenland. Nun hat sich die geostrategische Situation geändert und damit die Ziele der verdeckten Kriegsführung. Welche Ziele, welche Methoden werden heute angewendet?

D. Ganser: Dazu ist es wichtig, den geschichtlichen Hintergrund zu kennen. Anfänglich standen die Engländer im Zentrum des Aufbaues solcher «stay behind armies».

BULLETIN: Du arbeitest das Janusgesicht der englischen Demokratie in deinem Buch sehr schön heraus. Das ehemalige Empire mit seiner Vergangenheit als Kolonialmacht, mit sehr viel Erfahrung in der Bekämpfung von Aufständen und dem Führen «kleiner» Kriege auf der ganzen Welt...

D. Ganser:... die aber dann von den US-Amerikanern mit dem CIA nicht abgelöst aber – ich würde sagen: majorisiert - wurden. Die U.S.A., die neue, alles dominierende Atommacht, mit vergleichsweise fast unbeschränkten Mitteln. Viel Know-how aber kam lange Zeit von den Engländern und noch heute werden in den entsprechenden Kreisen die englische SAS als Vorbild für die Ausführung von «special operations» – sprich verdeckter Kriegsführung – angesehen. Aber zurück zu deiner Frage: Der Kampf gegen die Sowjetunion und gegen den inneren Feind, welcher der Sowjetunion direkt oder indirekt in die Hände arbeitet, ist obsolet geworden. Dieser Feind ist weg. Heisst das nun, dass die CIA und MI6 in den 90er-Jahren aufgehört haben mit solchen Spezialoperationen? Nein. Es ist bekannt, dass Mitte 90er-Jahre der CIA und der MI6 im Balkan-Konflikt Muhajeddin aus Afghanistan nach Bosnien und dann später nach Kosovo eingeflogen haben, weil sie diese brauchten für eine Destabilisierungskampagne in Jugoslawien.

Was Westeuropa betrifft, so ist bekannt, dass die CIA in jedem Land mit einer US - Botschaft einen sogenannten «chief of station» (COS) hat. Was dieser COS macht, wissen wir nicht. Sie sind namentlich nicht bekannt, arbeiten offiziell als Militär- oder Kulturattachés. In der Regel sammeln sie nur Informationen und pflegen Kontakte, manchmal geben sie aber auch anderen Leuten Geld, damit diese für sie verdeckte Operationen ausführen. In Italien hat der CIA COS z.B. über den italienischen Militärgeheimdienst SISMI Neofaschisten finanziert und mit Operationen beauftragt. Solche Sachen laufen immer über mehrere Stufen, das Verwischen von Spuren gehört zu den zentralen Anliegen solcher Geheimdienste. Was heute genau läuft, wissen wir also nicht. Das ist ja das Merkmal der verdeckten Kriegsführung – sie läuft versteckt, ist geheim. Der Schweizer Inlandgeheimdienst DAP versucht den anderen Geheimdiensten auf die Spur zu kommen, um zu sehen, was die in der Schweiz machen, aber auch dem DAP gelingt das nur bedingt.

BULLETIN: Konkret: Gibt es innerhalb der NATO diese Geheimarmeen noch?

D. Ganser: Man weiss es nicht. Es bleibt also eine Frage des Vertrauens, und da hat die NATO ein Problem. Sie redet nicht über diese Geheimarmeen, verweigert jede Auskunft, macht keine Dokumente öffentlich. Insbesondere nicht zu der «Strategie der Spannung», die als Staatsterror bezeichnet werden muss, der immerhin mit Steuergeldern finanziert worden ist. Darüber spricht die NATO nicht, alle meine Anfragen wurden mit «no comment» beantwortet. Das ist nicht sehr vertrauenerweckend.

BULLETIN: Umso mehr, als die NATO heute in Afghanistan und im Irak unter dem Label der «Terrorbekämpfung» Krieg führt.

D. Ganser: Ja, hier ergibt sich also ein logischer Widerspruch, und da stellt sich die Frage nach der Glaubwürdigkeit ihres Kampfes gegen Terror. Das ist ein weites Forschungsfeld, das noch der wissenschaftlichen Bearbeitung bedarf. Diese Arbeit kann nur in internationaler Zusammenarbeit fruchtbar sein, denn aufgrund der nationalen Daten ergibt sich kein schlüssiges Bild.

BULLETIN: Eine letzte Frage: Hat dir die Öffnung der Archive in Osteuropa bei deiner Forschung geholfen?

D. Ganser: Ich habe nicht mit osteuropäischen Archiven gearbeitet. Es ist richtig, dass insbesondere das Stasi-Archiv geöffnet wurde, aber eben erst, nachdem es vom Westen «gereinigt» worden ist, weil wohl zu Recht die Befürchtung bestand, dass via die Archive im Osten die Geheimnisse des Westens bekannt geworden wären. Die östlichen Geheimdienste wussten einiges über die NATO-Geheimarmeen.

BULLETIN: Woher weisst du das mit der «Reinigung»?

D. Ganser: Von meinen Forschungsgesprächen mit ehemaligen Stasi-Mitarbeitern in Berlin und Konferenzen im Rahmen des ETH Parallel History Project, in welchem wir als internationale Forschergemeinschaft die NATO und den Warschauer Pakt untersuchen.

Im zweiten Teil des Interviews gehen wir der Frage nach der verdeckten Kriegsführung in der heutigen Zeit nach. Daniele Ganser hat unter diesem Blickwinkel an der Uni Zürich ein Seminar zum Terrorereignis schlechthin – dem 11. September 2001 – abgehalten. Über seine Erkenntnisse mehr im Bulletin Nr. 4 Ende Dezember 2005.

* SHAPE = Supreme Headquarters Allied Powers Europe ACC = Allied Clandestine Committee CPC = Clandestine Planning Committee

Quelle:
BULLETIN Alternativen Kanton Zug: http://www.bulletin-zug.ch
Mit freundlicher Genehmigung der Redaktion.

Weitere Informationen: 
Secret Warfare: Operation Gladio and NATO's Stay-Behind Armies:
http://www.isn.ethz.ch/php/collections/coll_gladio.htm

In "ETH Life" erzählte Korpskommandant a.D. Hans Senn, zwischen 1977 und 1980 Generalstabschef der Schweizer Armee, wie er in der Mitte seiner Amtszeit über die Existenz einer geheimen Spionage- und Abwehrorganisation unterrichtet wurde. Aus sicherheitspolitischen Überlegungen habe er diese Organisation toleriert. Im Zuge der Affäre Schilling/Bachmann wurde bereits 1980 bekannt, dass es in der Schweiz eine geheime Gruppierung gab."
http://www.ethlife.ethz.ch/articles/geheimarmee.html

 Nato-Geheimarmeen. "Strategie der Spannung" und die Schweiz:
http://www.parlament.ch/afs/data/d/...ch_20053374.htm

Wer auf dieser Internetseite des schweizer Parlamentes "Stay behind" oder "Geheimarmee" oder "P-26" eingibt, erhält weitere Informationen:
http://www.parlament.ch/

Daniele Ganser: Terrorism in Western Europe: An Approach to NATO’s Secret Stay-Behind Armies. The Whitehead Journal of Diplomacy and International Relations, South Orange NJ, 2005, Vol. 6, 1, S. 69.
http://diplomacy.shu.edu/journal/ne...08_Ganser27.pdf




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