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Das RAF-Phantom


Keine Beweise für eine dritte RAF-Generation

Anfang der 90er Jahre begannen Journalisten für eine Reportage des WDR zu recherchieren, was es eigentlich mit der dritten Generation der RAF auf sich hatte. Das Magazin Monitor brachte am 1. Juli 1992 unter dem Titel „Das Ende der RAF-Legende“ die Ergebnisse ihrer Nachforschungen. Es wurde darin die These aufgestellt, dass die sogenannte „dritte Generation der RAF“ nur als Legende existiere, die jedoch nicht weiter haltbar sei. Ihre Thesen vertiefen die Autoren Wolfgang Landgraeber, Ekkehard Sieker und Gerhard Wisnewski in dem Buch „Das RAF-Phantom.“ Als Hauptargumente führen sie u.a. an:


1. Im Gegensatz zur ersten (Meinhof, Baader, Ensslin) und zweiten RAF-Generation (Susanne Albrecht, Christian Klar) hinterlasse die sogenannte dritte Generation niemals auch nur den „Hauch einer Spur“ am Tatort.

2. Die der dritten RAF-Generation zugerechneten Personen, wie zum Beispiel Christian Seidler, seien alle Mitte der achtziger Jahre spurlos verschwunden, ohne jemals wieder ein Lebenszeichen von sich zu geben.

3. Die einzigen Indizien, woraus bei den Anschlägen der letzten sieben Jahre auf eine Täterschaft der RAF geschlossen wurde, waren sogenannte Bekennerschreiben, die von den bundesdeutschen Sicherheitsbehörden als authentisch eingestuft wurden. Die dabei zugrunde gelegten Methoden hielten einer Überprüfung aber in keiner Weise stand.

4. Im Mittelpunkt der Sendung stand ein Interview mit dem bisherigen Kronzeugen im Fall Herrhausen, Siegfried Nonne, der seine Aussagen vom Januar 1992 nun widerrief. Er sei vielmehr von Mitarbeitern des hessischen Verfassungsschutzes unter Androhung von Gefängnis und Mord zu der Falschaussage gezwungen worden, in seiner Wohnung in Bad Homburg die Täter beherbergt und mit ihnen das Attentat auf Alfred Herrhausen vorbereitet zu haben.

Das Fernsehteam kam zu den besagten Schlussfolgerungen, dass die dritte Generation der RAF ein künstlich am Leben gehaltenes Phantom zur bewussten Irreführung der Bevölkerung sei. Darüber hinaus bestehe der Verdacht, die politische Führung der Bundesrepublik habe Ende der siebziger Jahre und Anfang der achtziger Jahre das Abtauchen eines großen Teils der RAF-Mitglieder in die damalige DDR nicht nur toleriert, sondern regelrecht daran mitgewirkt. Das "Celler Loch" und der Mord an Ulrich Schmücker sind bekannt gewordene, vor Gericht gebrachte Fälle der Zusammenarbeit von Terroristen und Geheimdiensten, die auch im Falle RAF zu Misstrauen anregen sollten.

In der Tat ist zu bezweifeln, dass bei dem Umfang der Geheimdienstaktivitäten in der BRD eine solche Terrororganisation so lange unentdeckt bleiben und sich einer Unterwanderung entziehen könnte. Keiner der drei spektakulären Attentate, die man der dritten RAF-Generation zuschrieb, wurde bis heute aufgeklärt. Wie ist das totale Versagen der ansonsten erfolgreich arbeitenden Verfolgungsbehörden zu erklären? Und wie ist zu erklären, dass die Aktivitäten der angeblichen dritten RAF-Generation stets einen kontraproduktiven Einfluss hatten und den Todesstoß für progressive Entwicklungen bedeuteten?

Fragwürdige Tatmotive – Wem nutzten die Morde wirklich?

Nicht nur das: Die Opfer entsprachen ganz und gar nicht dem Feindbild linker Weltverbesserer. Im Gegenteil: Der Spitzendiplomat Gerold von Braunmühl zählte zu den Gegnern des amerikanischen SDI-Projekts. Die Beteiligung der Deutschen aber war für amerikanische Industrie- und Militärkreise wichtig. Am 10. Oktober 1986 wird er auf offener Straße ermordet. Die Autoren des „RAF-Phantoms“ sehen einen Zusammenhang zwischen dem Inhalt seiner am Tatort geraubten Aktentasche und dem einen Tag darauf stattfindenden Gipfeltreffen von US-Präsident Ronald Reagan mit dem Sowjetführer Michail Gorbatschow in Reykjavik.

Detlev Rohwedder war als Chef der Treuhand mit der Transformation der Volkseigenen Betriebe betraut und gelangte 1990/91 zu der Erkenntnis, dass eine rücksichtslose Privatisierung der realwirtschaftlich durchaus noch nützlichen Industriebetriebe unannehmbare soziale Folgen hätte. Also beschloss er in den ersten Monaten des Jahres 1991, das Konzept der Treuhand in "Erst Sanierung, dann Privatisierung" zu ändern - immer im Hinblick auf die sozialen Auswirkungen. Dies war der Moment, als die „RAF“ wieder zuschlug. Die Autoren des „RAF-Phantoms“ knüpfen hier einen Zusammenhang zum Ausverkauf Ostdeutschlands an ausländische Investoren. Wollte Rohwedder noch ernsthaft marode Betriebe in der früheren DDR sanieren, so läuft seit seinem Tod eine fast schon brutale Privatisierungswelle.

Und dann der Sprengstoffanschlag gegen den Vorstandssprecher der Deutschen Bank, Alfred Herrhausen. Herrhausen war ein wichtiger Berater Helmut Kohls. Er hatte nur wenige Tage vorher in einem Interview mit dem Wall Street-Journal von seinen Plänen über den Wiederaufbau Ostdeutschlands berichtet. In nur einem Jahrzehnt sollte Deutschland in Europas fortschrittlichste Industrienation verwandelt werden. Ebenfalls sprach er davon, dass er die Krise der Dritten Welt durch ein Umschuldungsprogramm mit 50prozentigem Schuldenerlass auffangen wollte; schon 1987 hatte er dies angesichts des großen Börsencrashs gefordert. Der ehemalige Pentagon-Mitarbeiter Oberst Fletcher Prouty sagte in den 90er Jahren in einem Interview mit der italienischen Zeitung „Unita“, der Grund der Ermordung Herrhausens am 30. November 1989 liege in elf Seiten einer Rede, die er eine Woche später am 4. Dezember in New York vor dem „American Council on Germany“ hätte halten sollen und die nun ungehalten blieb. In dieser Rede wollte Herrhausen seine Vision der Neugestaltung des Ost-West-Verhältnisses darlegen, die den Lauf der Geschichte nach 1989 dramatisch in eine andere Richtung gelenkt hätte.

Während nach außen hin das dramatische Ende der kommunistischen Gewaltherrschaft gefeiert wurde, hegten bestimmte elitäre Kreise tiefste Bedenken gegen den Erfolg einer volksnahen Revolution in Osteuropa. Außerdem alarmierte sie die Aussicht, in Deutschland könnte sich eine Alternative zur Wirtschaftspolitik der USA entwickeln. Deshalb griffen die angloamerikanischen Medien auch sogleich das Stichwort „Viertes Reich“ auf. Die politischen Strategen in London und Washington sahen die längerfristigen Auswirkungen der deutschen Einheit und damit eines erneut starken und eventuell unabhängigen Deutschlands nur zu deutlich.

Der Mord an Alfred Herrhausen als dem einzigen Vertreter des Establishments, der eine Vision für die historische Situation zu äußern wagte, war in der Tat eine Botschaft an Regierungen und Industrie. Keiner wagte es danach mehr, den Kopf vorzustrecken. Nach den Mördern traten jetzt wieder die Wirtschaftsattentäter auf den Plan, zum Beispiel in der Person von Jeffrey Sachs und anderen "Reformern", die den wirtschaftlichen Kahlschlag des Ostens zugunsten der Spekulanten der Finanzoligarchie propagierten. Maastrichter Vertrag, Stabilitätspakt, Euro statt D-Mark und wirtschaftlicher Kahlschlag für die neuen Bundesländer waren die Folge. Hätten sich Herrhausens Pläne durchgesetzt, wäre Deutschland mit der EG durch ein Aufbauprogramm im Osten zu einer Macht aufgestiegen, die das bisherige Weltgefüge durcheinander gebracht hätte. Durch Herrhausens Tod ist keines der globalen Projekte weiterverfolgt worden.

Warum mussten diese Männer sterben? Waren sie die Symbolfiguren der "faschistischen Kapitalstruktur", von der die "RAF" in ihrem Bekennerschreiben zur Herrhausen-Ermordung spricht? Im Gegenteil: Beide begingen gegenüber dem System der Finanzoligarchie die Sünde, moralische Bedenken in Bezug auf die gängige Politik zu äußern.

So beschreibt Dieter Balkhausen in seinem Buch „Alfred Herrhausen. Macht, Politik und Moral“ wie Herrhausen bereits 1987 bei der Trauerfeier für seinen Vorstandskollegen Werner Blessing zum Ausdruck brachte, die Schuldenkrise der Dritten Welt vertrage kein Schweigen mehr. Ein Gespräch mit Präsident Miguel de la Madrid in Mexiko über die Schuldenkrise der Entwicklungsländer hatte ihn zutiefst betroffen gemacht, und er begann über einen teilweisen Schuldenerlass nachzudenken.

Als Herrhausen am 28. November 1989 dem Vorstand seiner Bank einen tiefgehenden Strukturwandel vorschlug, der seine Bedenken zur Schuldenkrise der Entwicklungsländer reflektierte, stieß er auf heftigen Widerstand, wie der damalige Chef der Deutschen Bank, Rolf Breuer, später berichtete. Frau Herrhausen erklärte, ihr Mann sei "arg niedergeschlagen" aus der Sitzung der Bank zurückgekommen, die sich dann als seine letzte erweisen sollte. Und am Morgen vor dem Attentat sagte Herrhausen zu seiner Frau: "Ich weiß nicht, ob ich das überlebe."

Die Ungereimtheiten des Herrhausen-Mordes

Dass auch im Fall Herrhausen das RAF-Phantom als Täter herhalten musste, ist schon fast als schlechter Witz zu bezeichnen. Herrhausen war einer der am meisten gefährdeten Persönlichkeiten Deutschlands und hatte daher zahlreiche Sicherheitsvorkehrungen getroffen. Den unmittelbaren Personenschutz übernahm die Sicherheitsabteilung der Deutschen Bank, die Umgebung seines Wohnorts wurde ständig von der Polizei bestreift und dazu sollen speziell ausgebildete und ausgerüstete Einheiten eines hessischen mobilen Einsatzkommandos (MEK) für die Observierung der Wohngegend zuständig gewesen sein. Trotzdem gelang es den Tätern, die Straße am Seedammweg in Bad Homburg aufzugraben, ein Kabel zu verlegen und dann die Asphaltdecke wieder zu schließen, ohne dass jemand etwas bemerkte.

Am Tag des Anschlags brachten die Täter sogar noch eine Lichtschranke am Tatort an und stellten die auf ein Fahrrad montierte Bombe in Position, so dass Herrhausens Fahrzeug unmittelbar daran vorbeifahren musste. Alle diese Vorbereitungen fanden an einer Stelle statt, die zudem von einer Fußstreife der Polizei kaum eine halbe Stunde vor dem Anschlag kontrolliert worden war, ohne dass diese etwas bemerkt haben soll.

Dazu kam, dass die Sprengfalle, durch die Lichtschranke ausgelöst, nur dann funktionieren konnte, wenn Herrhausens Fahrzeug diese als erstes durchfuhr, also kein vorausfahrendes Fahrzeug die Vorbereitung gefährdete. Der frühere Präsident des Bundesamtes für Verfassungsschutz Dr. Richard Meier sagte vor dem Deutschen Bundestag eine Woche nach dem Anschlag, dass das Vorausfahrzeug aus dem Wagenkonvoi Herrhausens, der sich normalerweise aus drei Fahrzeugen zusammensetzte, abgezogen worden sei. (Hatte vielleicht die RAF angerufen und erklärt, dass der vorausfahrende Wagen dem Attentat im Wege sei?)

Eine weitere Besonderheit, die sich die Attentäter ausgedacht hatten und die auf eine sehr große Erfahrung im Umgang mit militärischen Sprengstoffen schließen lässt, ist, dass die Bombe als sogenannte Hohlladung geformt war. Das hat zur Folge, dass die Druckwelle nicht nach allen Seiten gleichzeitig abgeht, sondern strahlförmig gebündelt und damit auf ein Ziel ausrichtbar ist. Der Bau dieser Bombe, wie auch das Wissen um die Schwachstellen der gepanzerten Mercedes-Benz Limousinen mit sich öffnenden Seitenscheiben, der nur einem kleinen Kreis von Sicherheitsspezialisten, die die entsprechenden Testergebnisse kennen, bekannt ist, kann beim besten Willen keinen angeblichen RAF-Terroristen oder sonstigen Anfängern in die Schuhe geschoben werden.

Das Bekennerschreiben im Fall Herrhausen war dermaßen dürftig, dass der damalige Bundesinnenminister Schäuble kritisierte, die Substanz des Täterschreibens stehe in krassem Gegensatz zur Schwere und technischen Perfektion des Anschlags. Es besteht ein völliger Mangel an Beweisen oder auch nur Hinweisen auf eine Terrororganisation RAF, trotzdem halten die Sicherheitsbehörden der Bundesrepublik bis heute an der RAF-Täterschaft fest.


Text nach: Gerhard Wisnewski; Wolfgang Landgraeber; Ekkehard Sieker: Das RAF-Phantom. Wozu Politik und Wirtschaft Terroristen brauchen. München 1997.

Zu den Ungereimtheiten im Falle des Mordes an Michael Bubak siehe auch: http://www.heise.de/tp/r4/artikel/29/29563/1.html



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