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Entsteht die Seele aus dem Nichts?


Als ein gefährlicher Ketzer galt der tonangebenden Weisheit des siebzehnten Jahrhunderts der italienische Naturforscher Francesco Redi, weil er behauptete, daß auch die niedersten Tiere durch Fortpflanzung entstehen.... Denn der rechtgläubige Gelehrte der damaligen Zeit meinte, daß Würmer, Insekten, ja selbst Fische aus leblosem Schlamm entstehen können. Nichts anderes hat Redi behauptet, als was heute allgemein anerkannt ist, daß alles Lebendige von einem Lebendigen abstammt....


In einer ähnlichen Lage wie der italienische Denker ist heute der [Geistesforscher]. Er muß auf Grund seines Wissens das von dem Seelischen sagen, was Redi von dem Lebendigen gesagt hat. Er muß behaupten: Seelisches kann nur aus Seelischem entstehen. Und wenn die Naturwissenschaft in derselben Richtung sich weiterbewegt, die sie seit dem siebzehnten Jahrhundert genommen hat, dann wird auch die Zeit kommen, in der sie selbst - aus sich heraus - diese Anschauung vertreten wird. ... 

...Nicht auf der Krücke der Naturwissenschaft der Gegenwart will die Anthroposophie [=Geisteswissenschaft] zu den Geheimnissen des Geisteslebens vordringen, sondern nur sagen will sie: « Erkennet die Gesetze des geistigen Lebens, und ihr werdet diese hohen Gesetze auch in entsprechender Form bewahrheitet finden, wenn ihr auf das Gebiet heruntersteigt, wo ihr mit Augen sehen und mit Ohren hören könnt....

... Gewiß: es wird zur Not zugegeben, daß auch die seelischen Eigenschaften eines Menschen geradeso irgendwoher stammen müssen wie die physischen. Es werden Erwägungen darüber angestellt, wie es denn komme, daß die Seelen einer Schar von Kindern so verschieden sind, die alle unter gleichen Umständen aufgewachsen und erzogen sind, daß sogar Zwillinge in wesentlichen Eigenarten von einander abweichen, die stets an demselben Orte, unter der Obhut einer Amme gewesen sind.... Es ist zweifellos berechtigt, wenn man zur Erklärung der niederen seelischen Eigenschaften zu den physischen Vorfahren hinaufsteigt, und ebenso von Vererbung spricht, wie man es für die körperlichen Merkmale tut. Aber man will die Augen vor dem Wesentlichsten verschließen, wenn man dieselbe Richtung für die höheren Seeleneigenschaften, für das eigentlich Geistige im Menschen nimmt. Man hat sich eben daran gewöhnt, diese höheren seelischen Eigenschaften nur als eine Steigerung, als einen höheren Grad der niederen zu betrachten. Und man meint deshalb, man könne sich mit einer Erklärung zufriedengeben, die in demselben Sinne gehalten ist wie diejenige der seelischen Eigenschaften der Tiere.

...Nun gibt es eine Tatsache, die ganz allgemein zugänglich ist, und die, richtig angesehen, ein helles Licht wirft auf den Charakter des Seelisch-Geistigen. Das ist die einfache Wahrheit, daß jeder Mensch eine Biographie hat, das Tier aber keine....Doch handelt es sich darum, daß für den einzelnen Menschen die Biographie dieselbe grundwesentliche Bedeutung hat, wie für das Tier die Beschreibung seiner Art. In demselben Sinne, in dem mich bei dem Löwen die Beschreibung der Löwenart interessiert, beschäftigt mich beim einzelnen Menschen die Biographie....Der einzelne Mensch ist mehr als ein Exemplar der Menschengattung. Er hat in demselben Sinne seine Gattungsmerkmale mit seinen physischen Vorfahren gemein wie das Tier. Aber wo das Gattungsmäßige aufhört, da beginnt für den Menschen das, was seine besondere Stellung, seine Aufgaben in der Welt bedingt. Und wo dieses anfängt, da hört alle Möglichkeit einer Erklärung nach der Schablone der tierisch-physischen Vererbung auf. Ich kann Schillers Nase und Haare, vielleicht auch gewisse Temperamentseigenschaften auf Entsprechendes bei seinen Vorfahren zurückführen, aber nicht sein Genie....

[Der Wissenschafts- Gläubige] müßte sagen: der Unterschied zwischen den höheren und niederen Menschenseelen ist größer, als der zwischen diesen niederen Seelen und den unmittelbar unter ihnen stehenden Tierseelen: also muß ich zugeben, daß es im Weltall Ursachen gibt, welche an der niederen Menschenseele Verwandlungen bewirken, die sie ebenso umgestalten, wie die von mir aufgezeigten Ursachen die niedere Tierform in die höhere überführen.....

Er will mit den Begriffen, mit denen er in der übrigen Natur sich zurechtzufinden sucht, nicht heraufsteigen in menschlich-seelisches Gebiet. - Täte er dies,... dann müßte er sich sagen: wie ich die höhere Tierart aus der niederen durch Entwickelung herleite, so leite ich die höhere Seelenart durch Entwickelung aus der niederen her. Ich kann Newtons Seele nicht verstehen, wenn ich sie nicht hervorgehend denke aus einem vorausgehenden seelischen Wesen. Und dieses seelische Wesen kann nie und nimmer in den physischen Vorfahren gesucht werden. Denn wollte man es da suchen, so würde man allen Geist der Naturforschung auf den Kopf stellen. Wo könnte es einem Naturforscher je beifallen, eine tierische Art aus einer anderen sich entwickeln zu lassen, wenn die letztere der ersteren in physischer Beziehung so unähnlich wäre wie in seelischer Beziehung Newton seinen Vorfahren? Man stellt sich doch vor, daß eine Tierart aus einer ähnlichen hervorgeht, die nur um einen Grad tiefer steht als sie. Also muß Newtons Seele aus einer solchen hervorgegangen sein, die ihr ähnlich, nur in seelischer Beziehung einen Grad tiefer ist als sie. Das Seelische in Newton umfaßt mir seine Biographie. Ich erkenne Newton aus dieser seiner Biographie, wie ich einen Löwen aus der Beschreibung seiner Art erkenne. Und ich verstehe die Löwenart, wenn ich mir vorstelle, daß sie aus einer im Verhältnis zu ihr niedrigeren hervorgegangen ist. Also verstehe ich das, was ich in Newtons Biographie umfasse, wenn ich es mir entwickelt denke aus dem Biographischen einer Seele, die ihr ähnlich, als Seele mit ihr verwandt ist. Demnach war Newtons Seele in anderer Form bereits da, wie die Löwenart in anderer Form vorher da war. Für ein klares Denken gibt es kein Entrinnen aus dieser Anschauung. Nur weil die [Wissenschafts-] Gläubigen nicht den Mut haben, ihre Gedanken wirklich zu Ende zu führen, kommen sie nicht zu dieser Schlußfolgerung. Durch sie ist aber das Wiedererscheinen der Wesenheit, die man in der Biographie umfaßt, gesichert. - ...Es gibt nur zweierlei: entweder es ist jede Seele durch ein Wunder geschaffen, wie die tierischen Arten durch Wunder geschaffen sein müßten, wenn sie sich nicht auseinander entwickelt haben; oder die Seele hat sich entwickelt und ist in anderer Form früher dagewesen, wie die tierische Art in anderer Form da war....

Wie der Naturforscher zu den Tierformen geht, aus denen sich andere entwickelt haben, um diese anderen zu verstehen, so sollte der Seelenforscher, der sich auf den Boden dieser Naturforschung stellt, zu der Seelenform gehen, aus der sich eine andere entwickelt hat, um die letztere zu verstehen. Die Schädelform der höheren Tiere erklären doch die Naturforscher aus der Umbildung des niederen Tierschädels. Also sollen sie alles, was in das Biographische einer Seele gehört, aus dem Biographischen der Seele erklären, aus welcher diejenige hervorgegangen ist, die man im Auge hat. Die späteren Zustände sind die Wirkungen früherer. Und zwar die späteren physischen die Wirkungen früherer physischer; aber auch die späteren seelischen die Wirkungen früherer seelischer. Dies ist der Inhalt des Karma-Gesetzes, das besagt: alles, was ich in meinem gegenwärtigen Leben kann und tue, steht nicht abgesondert für sich da als Wunder, sondern hängt als Wirkung mit den früheren Daseinsformen meiner Seele zusammen, und als Ursache mit den späteren.

Quelle: "Reinkarnation und Karma - vom Standpunkte der modernen Naturerkenntnis notwendige Vorstellungen" von Rudolf Steiner, erschienen in "Lucifer" Okt/Nov 1903 (in GA 34).


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